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Schreiben
und Veröffentlichen auf dem Web:
Schreiben
ist allemal eine relativ mühsame Beschäftigung, der nachzugehen in aller
Regel wenig unmittelbare Befriedigung zur Folge hat und die deshalb etwas großartig
zu den Kulturtugenden gerechnet wird. Man schreibt aus vielen Gründen –
manche ehrenvoll und positiv (Liebesbriefe) – meist aber aus eher prosaischen
Motiven, von der Anfrage wegen unrichtiger Abbuchungen auf dem Konto bis zum Einkaufszettel
für den Supermarkt. Das all dies Kunst sein kann, haben wir gelernt. Das
muss nicht heißen, dass man’s auch genießen kann – auch
dies haben uns die Diskurse der letzten Jahre beigebracht. Nun
hat die wissenschaftliche Publikation ja fast Angst davor mit Kunst “verwechselt“
zu werden, auch wenn ihr manchmal ein kleiner Kontakt mit dieser ganz gut täte;
von der besseren Les- und Begreifbarkeit des Inhaltes ganz zu schweigen. Aber
trotz der altbekannten Weisheit, dass jede Formel im Text den Umsatz eines Buches
um 10% verringert, scheint die feste Überzeugung „je Statistik desto
Wissenschaft“ um so verbreiteter zu sein, je weniger man sich mit methodologischen
Fragen beschäftigt hat. Man tut also gut daran, „Kunst“ (i.e.:
Ästhetik, Schönheit, Eleganz etc.) zu vermeiden und sich eines eher
opaken Stils zu befleißigen, der dann dazu dient die Winzigkeit der Argumente
hinter einer Nebelbank von Fachterminologie zu verstecken. Also: je holpriger,
desto Wissenschaft.
Hinzu kommt, dass die schöne Einrichtung der „peer-reviewed journals“
natürlich den Haken hat, dass ebenjene Peers auch durchaus in der Lage sind,
Veröffentlichungen, die ihnen nicht in den Kram passen, zu kippen oder zumindest
abzubremsen; und man sollte die „old boys networks“ nirgends unterschätzen...
Das
ist ja auch nicht nur negativ: wenn alles veröffentlicht würde, was
manchen einfällt, wäre das schrecklich zu lesen; der Inhalt des Internet
beweist dies ja schlagend. Zu jedem Mist findet man eine Stellungnahme und trotz
Google ist es eher unwahrscheinlich, dass man die kleine, clevere Argumentation
unter der Masse des Datenmülls nicht unbedingt schon auf den ersten Blick
wird durchleuchten sehen.
Stringente Auswahl nach „menschlichen“ Kriterien und totales Laissez-faire
– die beiden Extremen zwischen denen sich der Informationssucher seinen
Weg zu bahnen hat. Beide Varianten haben ihre Meriten. Auch bei allem Gegenhalten
kann es einer Clique von Kollegen nicht auf Dauer gelingen, eine bahnbrechende
Meinung zu ignorieren – aber es kann verdammt lange dauern, bis es so weit
ist. Und nicht jeder hat Lust zu warten, bis seine Ideen dann posthum zwanzig
Jahre später in den Mainstream integriert werden...
Zum Durchsetzen einer neuen Idee gehören immer zwei Komponenten: einerseits
muss diese Idee „etwas haben“ – d.h. ganz ohne Erfolg in der
Praxis hat man es natürlich schwer. Zum anderen aber – und dieses genauso
wichtige Detail wird gerne und oft vergessen – muss man auch bis zu den
Herzen der Mitmenschen durchdringen. Erst dann „greift“ ein Konzept.
Das Hauptproblem ist nicht eine wie auch immer geäußerte Kritik –
sondern Ignorieren, getreu dem alten Spruch: „Besser ein schlechter Ruf
als gar keiner!“ Wenn man so weit ist, dass man die Indignation der
Fachleute voll zu spüren bekommt, kann man sich eigentlich beruhigt zurücklehnen;
dann ist das Wichtigste geschafft, man wird zur Kenntnis genommen. Zu diesem Zeitpunkt
kommt eher ein anderes Problem zum Tragen, das der „schnellen Mitmacher“.
Das muss nicht immer negativ sein – jeder hat einmal angefangen, und zum
Anfangen gehören Fehler. Oft ist es aber so, dass dieselben, die vorher alles
in Bausch und Bogen abgelehnt hatten, plötzlich meinen, sie könnten
das auch. Manchmal klappt das auch, aber hat oft eher eine zweifelhafte Qualität
zur Folge. Es fällt einen erwachsenen Arzt natürlich schwer zuzugeben,
dass man sich etwas neu erarbeiten muss, zumal wenn man gerade eine aufwendige
Ausbildung hinter sich hat. Das ist bei der Manualmedizin der Fall; nach vielen
Kursen freut man sich, seinen Tast- und Behandlungssinn entdeckt zu haben und
dann soll man wieder auf Null gehen! Diese Geduld ist nicht jedem gegeben. Außerdem
gelingt auch ohne allzu differenziertes Vorgehen Einiges, was ich in dem –
zugegeben etwas pointierten – „Besser eine schlechte Manualtherapie
als gar keine“ zusammengefasst habe. Wer dann schlecht und falsch verwechselt,
hat mit derartigen Aussagen seine Not...
Damit sind auch schon die Rahmenbedingungen solch eines Website skizziert: Er
soll nicht die Information aus den durchaus ehrenwerten Fachzeitschriften ersetzen,
sondern eben in manchem deren nicht selten zögerliche Publikationspolitik
beschleunigen helfen und so eine Vor- wenn nicht Gegenöffentlichkeit schaffen.
Diese ist eben manchmal nötig, um einen Schriftleiter dazu zu bewegen, einen
ihm vielleicht nicht ganz liebsamen Artikel doch zu veröffentlichen, um nicht
an Kredibilität zu verlieren. Auch Fachvereinigungen haben ihre Clubs und
Seilschaften, und dann wird manchmal eben die fehlende fachliche Kompetenz durch
den Rang in der Funktionärshierarchie ersetzt – eine Zeit lang kann
man so manch brave Menschen blenden.
Man sollte die Möglichkeiten des Web auch nicht überschätzen: ein
Website alleine macht noch keine Öffentlichkeit, und um die zu haben, muss
man auch besucht werden. Dazu ist in unserer schnelllebigen Zeit auch und vor
allem genügend Neues vonnöten, um dem unersättlichen Hunger nach
Abwechslung genüge zu tun. Es ist immer wieder fast schon rührend zu
sehen, wie jüngere Kollegen völlig verblüfft sind, wenn sie mit
Informationen konfrontiert werden, die „schon zehn Jahre alt sind“
– und trotzdem brand-interessant! Dies
zu vermitteln ist ein Website ein gutes Mittel, da man hier die Informationen
nicht sequentiell anbieten muss, sondern eben so schachteln kann, dass auch weniger
im Mittelpunkt Stehendes seinen Platz bekommt.
Mein Ziel mit dieser Webseite ist also, zum einen Material zur Verfügung
zu stellen, das sonst kaum ins Blickfeld rückt, aber auch eine Plattform
zu bieten, die einen ungefilterten Informationsaustausch ermöglicht. Die
„klassischen“ Servicefunktionen wie Hinweise auf Fortbildungen etc.
gehören natürlich auch dazu.
Wenn es manchmal nicht so toll aussieht wie bei den großen kommerziellen
Portalen möge man bitte bei seiner Kritik bedenken, dass dies eine vom personellen
her bindfaden-dünne Aktion ist, die vom Goodwill etlicher lebt. Antwerpen,
im April 2002 H.
Biedermann |