Abb. 4.2: Gelenkafferenzen und Muskelreflexe (n. Wyke, 1967) Reflexantwort der motorischen Einheit nach Tendotomie des M. tibialis ant. Wird die Gelenkkapsel elektrocoaguliert, erfolgt keine Reflexantwort mehr auf passive Bewegung des Fußgelenkes. Beide Ableitungen wurden am selben Muskel vorgenommen. Der - nicht dargestellte - myostarische Reflex war auch nach der Koagulation auslösbar.

4.2 Propriozeptoren und Nociceptoren

Daß neben Propriozeptoren auch reine Nociceptoren existieren, ist heute kaum mehr umstritten (Wyke, Zimmermann, u.a.). Die Empfindung und Verarbeitung von Schmerz setzt jedoch eine komplexe Interaktion zwischen nociceptiven und vor allem mechanischen Afferenzen auf corticaler Ebene voraus, so daß die scharfe physiologisch- anatomische Trennung für eine funktionelle Betrachtungsweise wenig hilfreich ist. Es darf als allgemein anerkannt gelten, daß übermäßige Reizung als propriozeptiv anerkannter Nerven auch zu nociceptiven Afferenzen führt. Im Hinblick auf die komplexe Verschaltung der spinothalamischen Bahnen im Thalamus scheint es ohnehin geboten, bei der Betrachtung des Phänomens Schmerz über die Analyse einzelner Leitungsbahnen hinauszugehen. Die Nociceptoren sind durch zwei wichtige Merkmale von den anderen somatosensorischen Strukturen unterschieden:

  • ihre Reaktionsschwelle ist höher und
  • sie reagieren auf Reizwiederholung mit Verstärkung der Afferenzen, während die meisten anderen Rezeptoren bei Reizwiederholung schnell ermüden (Perl 1976).

Auch werden sie gegenüber allen Stimuli empfindlicher, d. h. ein durch Wärme sensibilisierter Nociceptor reagiert auf mechanische oder chemische Reize schneller und stärker als vorher. Reize, die vorher keine nociceptiven Afferenzen auslösten, führen nun zum Schmerz. Die morphologische Gliederung der Gelenkrezeptoren ist noch nicht völlig geklärt, meist handelt es sich um Rezeptoren vom Ruffini- Typ, daneben Golgi- ähnliche Rezeptoren (Schmidt 1980; vgl. Abb. 4.3). vele (1968) unterscheidet drei Gruppen:

  • Dünne, nichtmyelinisierte, langsam leitende Fasern, meist vegetativ- sympathisch. (2-5 µm dick; V ca. 11 m/s)
  • Mittelschnelle, tonische Fasern mit Ursprung in langsam adaptierenden Rezeptoren. (6-9 µm dick; V ca. 50 m/s)
  • Rasch leitende Fasern schnell adaptierender Rezeptoren.
    (10-16 um dick; V ca. 90 m/s)

Neben diesen Rezeptoren finden sich sehr dünne, marklose Schmerzfasern (0,5 um dick; V ca. l m/s). Bei den dünnen Fasern sind lichtmikroskopisch feinste Verästelungen feststellbar, die praktisch alle Körpergewebe durchziehen (vgl. Tab. 4.1). Man nimmt heute an, daß diese Endstrecken kontinuierlichen Umbau- und Regenerationsvorgängen unterliegen (cauna 1968). Sie sind unterschiedlich in den Geweben verteilt; nur in den oberen Schichten der Gelenkknorpel und in den zentralen Anteilen der Bandscheiben wurden keine freien Endigungen nachgewiesen (nachemson 1969).



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