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Manualmedizin
als synoptisches und minimalistisches Konzept H.
Biedermann, Antwerpen Wenn man
ein Buch über Manuelle Medizin bei Kleinkindern in die Hand nimmt,
erwartet man legitimerweise etwas über die Diagnostik und Therapie von Problemen
dieser Altersgruppe. Dies wird auch in den folgenden Seiten darzustellen versucht.
Aber dieser Teil des Buches ist nur die Basis, sozusagen der Pflichtteil des
Programms. Ungleich bedeutender und unabdingbar für das Verständnis
der Wichtigkeit, Kleinkinder zu behandeln ist der Ausblick darauf, welche
Spätfolgen eine unbehandelte KISS- Problematik Jahre später nach sich
ziehen kann. Nur aus der Kenntnis dieses Zusammenhangs kann die Berechtigung dafür
gezogen werden, bei Neugeborenen und Kleinkindern so ‚banale‘ Symptome wie eine
Schiefhaltung des Kopfes oder eine ganz diskrete Minderbenutzung einer Extremität
oder Körperhälfte überhaupt als pathologisch einzustufen und behandeln
zu wollen. Manualmedizin sollte nicht als Behandlungstechnik mißverstanden
werden. Ihren Anspruch auf umfassende funktionelle Beurteilung biomechanischer
Störungen kann sie nur in vierdimensionaler Sichtweise einlösen: neben
der räumlichen Analyse muß die Berücksichtigung des Zeitfaktors
als vierte und mitunter wichtigste Dimension stehen. Nur dann verflacht manualmedizinisches
Denken nicht zu reinem „Einrenken“, nur dann wird der enorme Zugewinn deutlich,
den die Manualmedizin nicht zuletzt bei vielen auf den ersten Blick neurologisch
dominierten Problemfeldern liefern kann. Morphologisches und funktionelles Denken
müssen Hand in Hand gehen, sie schließen einander nicht aus. Diese
Herangehensweise ist aber für viele – noch – neu und ungewohnt. Deshalb nimmt
es auch nicht Wunder, daß manch einer, der mit den teilweise verblüffenden
Effekten manualmedizinischen Handelns konfrontiert ist, förmlich davor zurückscheut.
„Dann muß ich Ihnen ja die Hälfte meiner Kinder schicken“ – ist nicht
selten die Reaktion von skeptischen Pädiatern auf die räsentation unserer
Ergebnisse. Eine bessere Perspektive scheint mir zu sein, derartige funktionelle
Diagnose- und ehandlungsmethoden in der Zukunft in den kinderärztlichen Standard
mitaufzunehmen. Hier soll keine ‚Gebrauchsanweisung
für das Einrenken von Kleinkindern‘ gegeben werden. Das Propagieren dieser
oder jener Behandlungstechnik ist ganz explizit nicht Zweck dieser Veröffentlichung.
Viel zu viel wird allerlei aktuellen Mode- Behandlungslehren hinterher gerannt,
die in den allermeisten Fällen nur alten Wein in neuen Schläuchen anpreisen.
Wer sich die Mühe macht, auf Flohmärkten und in den – immer selteneren
– medizinischen Antiquariaten nach den Kompendien von gestern und vorgestern zu
suchen, wird erstaunt sein, wie viel von dem, was ihm eben als der letzte Schrei
angepriesen wurde, schon in Büchern zu finden ist, die fünfzig oder
hundert Jahre alt sind. Natürlich hatten die Autoren damals andere Erklärungsmuster
für ihre Erfolge; stand beim einen die "Verbesserung der Säftezirkulation“[Naegeli,
1953 #244] im Mittelpunkt, spricht der nächste über das „Nervenkneten“[Reinert,
1920 #272] und ein dritter über die Entfernung von Widerständen aus
der Leitungsbahn (mit dem abschließenden Ausruf: „Nerven gut – alles gut“
[Forster, 1935 #1642]). Heute, im Zeitalter der Informatik, interpretieren wir
unsere Handlungsanweisungen unter kybernetischen Gesichtspunkten und sprechen
von „Inputregulierung“ oder „Rezeptorenbeeinflussung“. All diese Hiflskonzepte
haben ihren Wert – zeitgebunden. Ob wir in fünfzig Jahren noch mit denselben
Paradigmen arbeiten werden, mag bezweifelt werden; die Behandlung wird sich deshalb
kaum ändern.Spätestens seit Thomas Kuhns[Kuhn, #1631] Veröffentlichung
zur Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen, in der er den so überstrapazierten
Begriff des Paradigmenwechsels prägte, sollte deutlich geworden sein, daß
sich keine Wissenschaft von diesem Problem lossagen kann, und die Medizin schon
gar nicht. Ob wir es wollen oder nicht: die Medizin – zumindest sobald und solange
sie sich das Heilen von Kranken zum Ziel gesetzt hat – ist eben keine ‚exakte‘
Wissenschaft, sondern bestenfalls eine empirische Methode, die sich recht eklektizistisch
ihre Erklärungen links und rechts zusammenstiehlt. Wie gerne würden
wir, Stein auf Stein dem Fundament wissenschaftlicher Erkenntnis hinzufügend,
uns bis auf höchste Höhen hinaufmauern, aber leider – so ging’s nicht,
und so wird’s nicht gehen. Diese Methode ist bestenfalls geeignet, bekannte
nicht- optimale Verfahren zu optimieren; wirklich Neues tut sich dem so Suchenden
nicht auf. Oder, um es mit Einstein zu sagen: „A theory can be proved by experiment,
but no path leads from experiment to the birth of a new theory”
Warum erst jetzt? Wer
sich mit etwas so Wichtigem wie den Kleinkindern beschäftigt sollte sich
immer daran erinnern, daß er nur ganz selten der erste ist, dem etwas auffällt.
Babys werden konstant beobachtet, jede noch so triviale Regung kommentiert. Wie
ist also zu erklären, daß man nicht schon viel früher auf die
Zusammenhänge gestoßen ist, die hier unter dem Begriff KISS subsummiert
werden? Warum ist ein Krankheitsbild, das angeblich eine solch grundlegende Bedeutung
für die gesamte sensomotorische Entwicklung hat, nicht schon viel früher
beschrieben worden? Mehrere Phänomene spielen hier eine Rolle: Zum
einen ist das Wissen um den frühkindlichen Schiefhals und seine Entstehung
schon über 200 Jahre alt. Andry erklärte zu dem von ihm 1741 geprägten
Begriff Orthopädie, er wolle damit „den Vorsatz ausdrücken, den ich
mir vorgenommen habe, nemlich verschiedene Mittel zu lehren, bey den Kindern die
Ungestaltheiten des Körpers zu verhüten und zu verbessern“[Andry, 1987
#370]. Zum anderen – und das ist auch wichtig im Hinblick auf die Frage, warum
solch ein altes Wissen so lange verschüttet blieb – treten viele gesundheitliche
Probleme von Kleinkindern heute zurück und machen so den Blick für die
eher subtilen Symptome der KISS-Kinder erst frei. In Zeiten, wo jede Milchflasche
noch das Risiko einer Tuberkulose barg und Fehlernährungen mehr Haltungsschäden
auslösten als jede Wirbelsäulen-bedingte Skoliose waren diese Probleme
so massiv, daß die Aufmerksamkeit kaum den langfristigen und subtilen Entwicklungsproblemen
der KISS-Kinder galten. Erst als dieses
weiße Rauschen viel dramatischerer Gesundheitsprobleme durch die Erkenntnisse
der modernen Ernährungswissenschaft und Hygiene zurückgedrängt
worden war, wurde der Blick auf diejenigen Probleme gelenkt, die fast nie primär
lebensbedrohlich sind, aber in ihren langfristigen Konsequenzen nicht unterschätzt
werden sollten. Diese historisch gewachsene Situation ist auch ein Grund
dafür, daß die KISS- Symptome von etlichen Pädiatern auch heute
noch eher bagatellisiert werden. Denn auch als die primären Symptome
der frühkindlichen Asymmetrie nicht wahrgenommen worden waren kamen die späteren
Konsequenzen durchaus zum Tragen. Hier ist die Auswertungen der Anamnesen
von Schulkindern, die z.B. wegen Kopfschmerzen zu Vorstellung kamen interessant:
Ein Großteil weist in der frühkindlichen Entwicklungsphase typische
Zeichen einer KISS- Problematik auf. Bei über der Hälfte dieser Kinder
finden sich im Vorsorgeheft Einträge wie ‚Schiefhaltung‘, ‚Gesäßfaltenasymmetrie‘
oder ‚therapiebedürftige motorische Auffälligkeiten‘. Etliche andere
Symptome treten erst bei der Befragung der Eltern zutage, wie z.B. Schlafstörungen,
Schreiattacken, Dreimonatskolien und andere, eher bagatellisierte Hinweise auf
eine cervicogene Störung. Eine entsprechende Auswertung unserer Fälle
wird zur Zeit vorbereitet. Dieser fast immer zu findende Zusammenhang wird aber
nur erkannt, wenn explizit danach gesucht wird. Symptomen-
Mimikri: von KISS zu KIDD Kennzeichnend
für alle pathogenetischen Faktoren, die über funktionelle Dysregulation
wirken ist die Tatsache, daß ihre Effekte erst mit großer Latenzzeit
zutage treten. Damit sind sie automatisch in eine komplexe Interaktion mit all
denjenigen Einflüssen eingebunden, die in der Zwischenzeit auf das betreffende
Individuum einwirkten. Um diese zusätzlichen Faktoren auszublenden, muß
man ausreichend große Fallzahlen in eine Untersuchung einbeziehen. Selbst
dann aber kann man nur Trends vermuten, nicht aber die Sicherheit bieten,
die in Doppelblindstudien erreicht werden kann, dann aber eben mit Verzicht auf
die damit nicht erfaßbaren komplexeren Zusammenhänge. Mit diesem Problem
muß man leben; eine Lösung dieses Widerspruchs kann nur in der kritischen
Diskussion der Kriterien gefunden werden, die solchen Nachweis- Studien zugrunde
gelegt werden. Nicht zuletzt deshalb bleiben hier auch einige Teile
dieses Buches offen und bewußt unterhalb der an Nachweis- Studien anzulegenden
Kriterien angelegten wissenschaftlichen Schwelle. Es ist durchaus beabsichtigt,
daß vieles thesenhaft bleibt. Sinn einer Veröffentlichung zum
Thema Manualmedizin bei Kindern zu diesem Zeitpunkt ist es nicht zuletzt, den
an Forschung und Verifikation Interessierten diejenigen Gebiete aufzuzeigen, wo
sich aufgrund der gesammelten klinischen Erfahrung eine Vertiefung anbietet. Wenn
man die wenigen Arbeiten zu diesem Thema methodenkritisch analysiert wird man
schnell feststellen, daß ein ‚harter‘ Nachweis der Effizienz von Manualtherapie
bei Kindern noch nicht erbracht ist. Das soll nicht heißen, daß wir
nicht vieles wissen und auch mit diesem Wissen sinnvoll klinisch arbeiten können.
Man muß die Meßlatte, die man an eine solche noch zu erstellende Studie
legen will, realistisch gestalten. oppelblindstudien scheitern schon an der
Art der Therapie, die eine Trennung von zu verabreichender Therapie und Therapeut
unmöglich macht. Deshalb ist auch die Mittelung der Behandlungergebnisse
über viele Behandler so schwierig. Man kann nicht einen beliebigen Therapeuten
in bestimmten Techniken unterrichten, ihm ein Diagnosekompendium in die Hand drücken
und dann davon ausgehen, daß vergleichbare Ergebnisse dabei erzielt werden
können. Es werden also bestenfalls Tendenzen erkennbar sein, deren Übertragbarkeit
auf einen individuellen Behandler eben auch individuell überprüft
werden muß. Die Beobachtung gerade
der Kleinkinder mit KISS-Symptomatik hat gezeigt, daß den leicht als vertebragen
erkennbaren Faktoren meist andere, nicht unmittelbar erkennbaren Faktoren meist
“biomechanisch gefärbte'‘ Probleme vorausgehen. Viele der Kinder, die mit
vier oder fünf Monaten eine zunehmende Asymmetrie entwickeln und dadurch
zur Manualtherapie überwiesen werden hatten vorher 3-Monats-Koliken oder
waren als Schreikinder das Kümmernis von Eltern und Kinderarzt. Im Laufe
der Zusammenarbeit mit den Pädiatern stellen wir immer wieder fest, daß
diese zu Anfang vor allem die schiefen Kinder schicken; in der weiteren Kooperation
entwickeln etliche dann eine Sensibilität dafür, wo sich gerade bei
den so schwer zu behandelnden Schreikindern eine manualtherapeutische Intervention
anbietet. Die Asymmetrie ist in diesem pathogenetischen Kontext fast schon ein
Spätsymptom und andere – durchaus unspezifischere Probleme gehen ihr Wochen
und Monate voraus. Man kann sie auch dann schon finden in aller Regel, aber
man muß danach suchen. Das ist der Grund für die oben angeführte
Entwicklung, daß Kinderärzte erst über den offensichtlich schiefen
Kinder an die Problematik geraten und dann erst die Frühzeichen richtig einzuschätzen
lernen. Genauso wie in dieser Anfangsphase
vor Einsetzen der eigentlichen Asymmetriesymptome so ist auch in der Zeit nach
der Vertikalisierung der Zusammenhang zwischen (Rest-) Beschwerden und einer eventuellen
Funktionsstörung der Wirbelsäulenpole nicht ohne weiteres ersichtlich.
In der Zeit um den ersten Geburtstag – bei Mädchen in der Regel etwas früher
als bei Jungen – scheint sich die Schiefheit spontan zurückzubilden. Auch
wenn nichts unternommen wird, verschwinden viele Haltungseinseitigkeiten,
die die Eltern vorher beunruhigten. Daraus wird dann verständlicherweise
oft geschlossen, daß die eigentliche Ursache der Asymmetrie auch spontan
verschwunden sei. ‚Kleine‘ Restauffälligkeiten – vor allem eine eingeschränkte
Kopf- Seitneigung – werden bagatellisiert. Weiter unten wird ausführlicher
auf dieses Problem eingegangen werden: welche Symptome müssen ernst genommen
und genau verfolgt werden, welche kann man etwas großzügiger interpretieren,
wo ist ein funktioneller Zusammenhang mit vertebragenen Störungen anzunehmen
und als Therapieansatz verwendbar und wo ist er wenig wahrscheinlich. Diese
Fragen müssen zu ihrer Beantwortung in einen klinischen Zusammenhang gestellt
werden. Es gibt zu ihrer Beantwortung keinen eindimensionalen Meßparameter,
der uns darüber informierte. Wichtig ist nur deutlich zu machen, daß
die in der Neugeborenenphase das klinische Bild dominierende Asymmetrie jetzt
eine viel untergeordnetere Rolle spielt. Beim Durchsehen der Fotoalben und
bei genauer kinesiologischer Prüfung kann man Symptome für Seitendifferenzen
finden, aber gerade im Schulalter sind es mehr die Zeichen der Dysgnosie und Dyspraxie,
die am auffälligsten sind. Durch sie werden die Kinder im Kindergarten oder
der Schule auffällig und beim schulpsychologischen Dienst oder der Frühförderung
vorgestellt. Legt man die Liste der Auffälligkeiten, die für POS-
Kinder beschrieben werden, neben die unserer KIDD- Kinder, fallen die Parallelen
auf (vgl. auch den kasuistischen Bericht der Mutter von Kevin). Ruf- Bächtiger
weist zu recht darauf hin, daß „Mit der Feststellung, daß ein Kind
eine ADD, eine MCD oder ein POS habe, ist noch gar nichts gewonnen. Dies ist keine
Diagnose, sondern ein Sammelbegriff und vergleichbar der Feststellung, daß
ein Kind Fieber hat“[Ruf-Bächtiger, 1995 #1628]. Ähnliches gilt für
die senso-motorischen Dyskybernesen [Flehmig, 1979 #384; Coenen, 1996 #1650].Man
sollte sich auch immer bemühen, ein gut Teil dieser Phänomene im Kontext
charakterieller Entwicklung zu begreifen. Wer ganze Familien mitbetreut ist immer
wieder verblüfft über die Parallelen in Haltung und Bewegung, die ein
aufmerksamer Beobachter zwischen Vater und Mutter einerseits und den Kindern
andererseits feststellen kann. Und nicht umsonst hat der Begriff „Haltung“ eine
körperbezogene und eine seelische Bedeutungsebene... In dieser Spannung
zwischen dem Akzeptieren individueller Charaktereigenschaften und dem sensiblen
Aufspüren behandelbarer und behandlungspflichtiger Probleme bewegt man sich,
will man den Kindern und ihrem Entwicklungsportential gerecht werden.
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