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Die
zentralnervöse Kontrolle der Atmung. J.-M. Ramirez, Chicago
Prinzipien der neuronalen Kontrolle von rhythmischer Aktivität Untersuchungen
in einer Vielzahl von motorischen Systemen haben gezeigt, daß motorische
Muster zentralnervös von sogenannten zentralen Rhythmusgeneratoren erzeugt
werden192. Es handelt sich dabei um neuronale Netzwerke die aufgrund ihrer
zellulären und synaptischen Eigenschaften in der Lage sind eine Rhythmizität
sozusagen "autonom" zu erzeugen. So hat man zeigen können, daß
zentralnervöse Netzwerke verantwortlich sind für die Erzeugung
von Atmung, von Schluck und Kaubewegungen sowie von Laufbewegungen. Auch Hand-
und Augenbewegungen werden von zentralnervösen Netzwerken erzeugt.
Diese zentralen Netzwerke interagieren mit Propriozeptoren die sich im peripheren
Nervensystem befinden. Die Propriozeptoren vermitteln an das zentrale Netzwerk
genaue Informationen über die Stellung von Gelenken oder die Kraft
und Geschwindigkeit mit der bestimmte Muskeln oder Sehnen vom ZNS angesteuert
werden. Aufgrund dieser Rückkopplung sind diese Propriozeptoren an der
Erzeugung motorischer Aktivität beteiligt und beeinflussen – die Frequenz
und Aufrechterhaltung von rhythmischer Aktivität, – das Umschalten
zwischen verschiedenen motorischen Phasen, – den Zeitpunkt mit der eine
neue Phase initiiert wird und – die Form und Stärke einer motorischen
Bewegung192. Zusätzlich zu diesen propriozeptiven Interaktionen werden
neuronale Netzwerke auch von endogen ausgeschütteten Neuromodulatoren
beeinflusst. Diese Substanzen, vor allem Amine und Peptide, können
langanhaltende Änderungen in motorischer Aktivität bewirken. Sie können
Modulatoren z.B. die Netzwerkkonfiguration ändern oder die Grundeinstellung
und Verstärkung von propriozeptiven Eingängen beeinflussen193.
Die Auschüttung von Neuromodulatoren ist ein adaptiver Mechanismus
um Netzwerkaktivität z.B. an neue Umwelt- oder Verhaltensbedingungen
anzupassen. Ein gutes Verständnis dieser neuronalen Mechanismen ist
eine wichtige Voraussetzung, um pathologische Änderungen motorischer
Aktivität zu verstehen. So ist es z.B. wichtig, daßpropriozeptive
Regelkreise an das Körpergewicht angepaßt werden. Falls dies nicht
der Fall ist, könnte es zu lang anhaltenden Haltungsänderungen
kommen, vor allem dann, wenn der Sollwert oder Verstärkung in einem
motorischen Systems verstellt ist. Im Folgenden werden adaptive Mechanismen diskutiert,
die eine wichtige Rolle bei der Atmungsregulation spielen, vor allem solche,
die das Atemsystem an Hypoxie anpassen. Ein Verständnis dieser adaptiven
Mechanismen ist von großem klinischem Interesse, um die Ursachen des
plötzlichen Kindstodes (SIDS) zu verstehen. Nach wie vor ist es unklar, warum
SIDS-Babies vor allem in der Bauchlage aufhören zu atmen oder warum SIDS-Babies
bei einem einsetzenden Atemstillstand und der damit verbundenen Hypoxie
nicht mit gesteigerter Atmung oder Schnappatmung reagieren. In meinem
Labor untersuchen wir daher seit mehreren Jahren die Fragen: – Wie und wo wird
die Atmung zentralnervös erzeugt (oder wo befindet sich der zentrale
Rhythmusgenerator für die Atmung)? – Wie reagiert das Atemsystem auf Sauerstoffmangel
(Hypoxie) und welche neuralen Mechanismen führen zum Atemstillstand
? – Wie ändert sich die Hypoxieantwort während der postnatalen
Entwicklung? Eine besonders wichtige Frage, da bekannt ist, daß SIDS
nur zu einer bestimmten postnatalen Entwicklungstufe auftritt. Es ist erst
seit sehr kurzer Zeit möglich, Einblicke in die Mechanismen der zentralnervösen
Atmungskontrolle und deren entwicklungsbedingten Änderungen zu erhalten.
Die erstaunliche Zugänglichkeit des Atemssystems für moderne in
vitro Techniken ermöglicht eine detaillierte Charakterisierung der
zellulären Grundlagen, die zum Atemstillstand führen. Es besteht daher
große Hoffnung, schon bald klären zu können, warum das kardio-respiratorische
System in einer bestimmten Entwicklungsstufe so empfindlich auf periphere
Risikofaktoren reagiert. Dies wäre ein wichtiger Schritt, um ein erhöhtes
Risiko für den plötzlichen Kindstod frühzeitig vorherzusagen.
Ausblick Unsere Untersuchungen haben gezeigt, daß die modernen in vitro
Ansätze wichtige Hinweise auf die zellulären Grundlagen der Hypoxieantwort
geben können. Einige der oben genannten Überlegungen sind noch
hypothetisch. Doch haben viele dieser Hypothesen klinisch relevante Fragen
aufgeworfen, die hilfreich sein werden bei der Suche nach den Ursachen des plötzlichen
Kindstods. Wir sind sehr zuversichtlich, daß mit Hilfe der in vitro Präparation
in der nahen Zukunft weitere interessante Einblicke in die Physiologie und
Pathophysiologie der Atemregulation erhalten werden. Diese Einblicke werden
eine wichtige Grundlage darstellen für die rationale Behandlung bzw.
Prävention von entwicklungsbedingten, pathologischen Störung in
der Atemregulation. J.M. Ramirez Antwort des Atemzentrums auf
Sauerstoffmangel 2
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