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Gibt
es einen Einfluß einer funktionellen Kopfgelenkstörung auf die
Sprachentwicklung ? M. Hülse, Mannheim Falkenau berichtete
bereits in den 70ger Jahren über den positiven Einfluß der Manualtherapie
auf die Sprachentwicklung. Kritisch wurde schon damals in der Referierung
dieser Arbeit im Zentralblatt der HNO von phoniatrischer Seite darauf hingewiesen,
daß die Sprachentwicklungsverzögerung weder vor noch nach Therapie
durch die gängigen Testverfahren belegt waren. Ebenso kritisch muß
auch die Feststellung von Lohse-Busch 1996 betrachtet werden, wenn er berichtet,
daß nach Atlastherapie von 11 Kindern mit einer ICP zwei Kinder ein
besseres Sprachverständnis gehabt haben sollen. Andererseits ist eine
Sprachentwicklungsstörung bei zerebral bedingten Bewegungsstörungen
ein häufig zu beobachtendes Krankheitsbild. Der Spracherwerb - überwiegend
für produktive Leistungen - wird dadurch behindert, daß durch
zerebrale Bewegungsstörungen die Einübung motorischer und damit
auch eigenauditiver Bewegungsmuster behindert wird. Häufig kann aber nicht
entschieden werden, ob der Hirnschaden nicht bereits allein, unabhängig von
der Bewegungsstörung direkt die Sprachentwicklungsstörung hervorruft.
Die Sprache ist eine hochkomplexe, feinstens durchorganisierte und ökonomische
Form der Kommunikation. Diese spezielle kommunikative Fähigkeit ist
ausschließlich dem Menschen eigen und kann sich nur ausprägen,
wenn bei einer gewissen Erziehung in einem gewissen Alter ein gewisses Niveau
der höheren Gehirnleistungen erreicht wird; bei Kindern mit normaler
Intelligenz und kultureller Entwicklung wird sie gewöhnlich nicht vor dem
dritten Lebensjahr erreicht277. Die Entwicklung der Sprache und des
Sprechens steht in sehr enger Wechselbeziehung zu akustischen, optischen,
motorischen, kinästhetischen, geistigen sowie psychischen Reifungs-
und Differenzierungsvorgängen. Voraussetzung einer normalen Sprachentwicklung
ist also das Hören, Sehen, psychisch- geistige Kompetenz und das taktile
Empfinden und Feinmotorik. Die Sprachentwicklungsverzögerung (SEV) definiert
sich als leichte Verzögerung der Sprachentwicklung, für die eine
Ursache nicht ermittelt werden kann. Dagegen wird als Sprachentwicklungsstörung
(SES) eine erhebliche Verzögerung der Sprachentwicklung bezeichnet,
für die eine oder mehrere Ursachen ermittelt werden können, die auch
benannt werden sollten. Diese Ausführungen über die Komplexizität
der Sprache und des Spracherwerbs lassen erkennen, wie problematisch es
ist, fast im Nebensatz festzustellen, daß die Behebung einer funktionellen
Kopfgelenksstörung eine Sprachentwicklungsstörung positiv beeinflussen
kann. Andererseits sind verschiedene von den Kopfgelenken ausgelöste
funktionelle Störungsbilder nachweisbar, die eine normale Sprachentwicklung
behindern können. Die orale Sprache wird selbst von einem Erwachsenen kaum
isoliert (monomodal) gebraucht, Gebärden-, Handzeichen und Blickkontakt
unterstützen das, was ausgedrückt werden soll. (Am Telefon kann
einem Gespräch wesentlich schlechter gefolgt werden, als wenn der Gesprächspartner
gegenüber sitzt.) Eine solche Multimodalität ist naturgemäß
beim Spracherwerb von noch größerer Bedeutung, als in späteren
Jahren, wenn der Spracherwerb weitest gehend abgeschlossen ist. Dem Kleinkind
werden Worte durch Gesten erklärt, das Kleinkind selbst ersetzt noch
fehlende Worte durch Gesten. Bereits hier wird deutlich, daß eine,
wenn auch diskrete Kommunikationsstörung durch eine Kopfgelenksstörung
induziert werden kann. Jedem Phoniater ist bekannt, daß nahezu
jedes Kind mit einer Sprachentwicklungsverzögerung neben einer Störung
der Feinmotorik im Mundbereich auch eine Störung im Bereich der Handgeschicklichkeit
aber auch der Grobmotorik erkennen läßt. Es kann z.Zt. nicht
entschieden werden, ob eine solche motorische Störung ein Symptom neben
der SEV darstellt oder aber ob die Störung der Feinmotorik und der
Grobmotorik selbst eine Verzögerung der Sprachentwicklung verursacht.
Bei der Untersuchung eines Kindes mit SEV wird nach einer entsprechenden
Diagnostik der Fein- und Grobmotorik die Störung gezielt behandelt,
so daß hierdurch auch die Sprachauffälligkeit therapiert wird. Bei
der Überprüfung der Mundmotorik wird zunächst die Zunge untersucht:
- Zunge ruhig im Mund liegen lassen (keine Seitenabweichungen, keine Spontanbewegungen).
- Zunge gerade herausstrecken, Zunge nach oben zur Nase und nach unten zum
Kinn führen. - Bewegungen langsam und schnell. - Lippen ablecken, Kreisbewegung
langsam und schnell.- Zunge in die Wangentaschen. Überprüfung
der Lippenmotorik: Öffnen und Schließen des Mundes, Mundspitzen, Breitziehen,
Zähne zeigen, Zusammenpressen der Lippen, Schmatzen; Backen aufblasen und
platzen lassen, Luft hin- und her- Bewegen; Lippen flattern lassen, Pfeifen.
Die manuelle Feinmotorik steht in engem Zusammenhang zur Ausbildung der orofazialen
Eupraxie. Häufig besteht auch eine motorische Ungeschicklichkeit. Bei der
Beurteilung der manuellen Geschicklichkeit erhält man zwei Informationen:
1. Geschicklichkeit der Hand; 2. Aussage über die Ausbildung der Lateralität.
(Eine zu spät einsetzende Lateralität muß als wichtiger
Hinweis auf eine verzögerte oder gestörte Hirnreifung gewertet werden.)
Prüfung der Feinmotorik und Sensomotorik: Es muß nochmals betont
werden, daß bei Kindern mit einer SEV nahezu regelmäßig auch
Störungen der Fein- und Grobmotorik aufgedeckt werden können und daß
Übereinstimmung darin besteht, daß diese motorischen Störungen
behandelt werden müssen. Die Frage, ob ein ursächlicher Zusammenhang
besteht oder es sich bei den Störungen um ein Begleitsymptom handelt,
ist nicht eindeutig zu beantworten. Sicherlich bestehen fließende Übergänge.
Dies bedeutet andererseits, daß die Besserung einer grobmotorischen
Störung nach Manualtherapie der Kopfgelenke nicht automatisch einer
Besserung einer Sprachentwicklungsverzögerung gleichgesetzt werden
darf. Neben den hier aufgeführten fein- und grobmotorischen Störungen
muß auch auf Teilbereiche der Sprachentwicklungsverzögerung eingegangen
werden, die unter den speziellen Aspekten der funktionellen Kopfgelenkstörung
gewertet werden müssen. Nicht nur die ‘nonverbale’ sondern auch die
‘orale’ Sprache muß in einem Kontext zur muskulären Funktionsfähigkeit
betrachtet werden. Dies betrifft einerseits die Sprechatmung, andererseits die
mundmotorische Fertigkeit, um die einzelnen Laute zu bilden. Im Kehlkopf wird
nur durch Schwingung der Stimmlippen ein Ton erzeugt: die Phonation. Die
Artikulation erfolgt im Rachen, Mundhöhle und Nasenhöhle. Die
Vokale und die Konsonanten sind erst das Resultat des Zusammenwirkens folgender
Ventilmechanismen im Ansatzrohr von der Glottis bis zum Mund und den Nasenöffnungen:
Lippensphinkter, linguovelarer Sphinkter, velopharyngealer Sphinkter, glottischer
Sphinkter, linguo-dental-velopalataler Sphinkter. Die praxischen Fähigkeiten
entwickeln sich, ähnlich den Perzeptionen, nach dem Pass-or-fail- Prinzip
durch Erziehung und Erfahrung. Der Höhepunkt dieser Entwicklung liegt
zwischen dem 3. und 8. Lebensjahr. Diese Fähigkeiten sind interindividuell
und intrakulturell sehr verschieden. Die für die Praxien verantwortlichen
morphofunktionellen Mechanismen sind an komplexe zerebellare und extrapyramidale,
kortikale sowie subkortikale Bahnen gebunden. Wenn auch nach dem ersten
Lebensjahr die taktilen Empfindungen im Vergleich zu Hören und Sehen
eine nur untergeordnete Rolle für die Sprachentwicklung des Kindes spielen,
scheinen sie im 1. Lebensjahr von größerer Bedeutung zu sein,
als bisher angenommen. Das Kleinkind muß in den ersten 4 Lebensjahren erst
lernen, die einzelnen Laute korrekt zu bilden. Je einfacher diese Laute
sind, desto früher werden sie erlernt. „K, G, F, W, CH, R, S und SCH
werden sicher erst am Ende des 4. Lebensjahres beherrscht. Im Rahmen der
funktionellen Kopfgelenkstörung muß auf die dyspraktische Dyslalie
und die dysarthrische Störung eingegangen werden, die audiogene und
die dysgnostische Dyslalie müssen zuvor ausgeschlossen werden. Bei
der dyspraktischen Dyslalie kann jedes Phonem erkannt und unterschieden
werden, die Realisierung in der eigenen Sprache gelingt jedoch nicht. Ursache
ist eine Ungeschicklichkeit im Umgang mit den Sprechorganen. Dies ist meist
verbunden mit einem allgemeinen Rückstand der motorischen Entwicklung. Die
motorische Dyslalie ist vergesellschaftet oder Ausdruck einer fazio-bukkolingualen
Dyspraxie. Die Untersuchung auf eine Dyslalie erfolgt mit einem Stammler-Prüfbogen.
Die Artikulation setzt einen sehr fein abgestimmten Bewegungsablauf der Zungen-
und Mund- motorik voraus. Minimale Funktionsstörungen stören empfindlich
alle Artikulationsbewegungen. Hier findet sich dementsprechend der Ansatzpunkt
für die Manualtherapie der oberen HWS: ein muskulärer Hypertonus
und ein vermindertes „Körperschema“ behindern naturgemäß
den Erwerb feiner Bewegungen, wie sie zur non- verbalen und zur verbalen Kommunikation
erforderlich sind. Muskeln und Bindegewebe sind propriozeptive Organe. Biomechanische
Störungen im motori- schen und myofaszialen System reduzieren propriozeptive
Afferenzen, so daß eine Verschlechterung der sensomotorischen Wahrnehmung
resultiert. Dies führt zu einer verzögerten Entwicklung des „Körperschemas“.
Der muskuläre Hypertonus geht oft mit einem „vegetativen Hypertonus“
einher. Eine Störung der Wirbelsäule verursacht nicht nur eine Dys-
funktion im Bereich der zugeordneten Segmente. Besonders im Bereich der Kopfgelenke
führt ein funktionelles Defizit zu einer Störung im Mund-
und Rachenbereich. Deutlich wird dies an den bekannten (und allgemein anerkannten)
engen, reflektorischen Verbindungen zwischen Kopfgelenken und Kiefergelenken.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht muß zugegeben werden, daß
die engen Beziehungen zwischen Kopfgelenken einerseits und Kiefergelenken und
Mund- und Rachenraum andererseits bisher nur empirisch aufgezeigt werden
konnten. Diese Empirie ist aber vielfach beschrieben und bestätigt
worden. Manualmedizinisch hat sich uns bei der kindlichen funktionellen Kopfgelenksstörung
folgendes Vorgehen bewährt: Zunächst wird eine myofasziale Mobilisation7,87
durchgeführt. Danach schließt sich die Atlastherapie nach ARLEN
an. Besonders durch diese Atlastherapie wird ein regulierender Globaleffekt
auf den vegetativen und motorischen Tonus ausgelöst. Parallel zu dieser
HWS-Behandlung läuft beim Kleinkind eine Ergotherapie. Im Alter von 4 Jahren
setzt dann die logopädische Behandlung ein. (Eine frühere logopädische
Therapie ist nicht sinnvoll, da die Konzentrationsspanne bei kleineren Kindern
eine gezielte logopädische Übungsbehandlung noch nicht zuläßt.)
Tabelle 1 ZEITTAFEL DER SPRACHENTWICKLUNG 3. - 6. Monat
1. Lallperiode, Gurren 6. - 9. Monat
2. Lallperiode, Plappern (lalala, bububu, gugugu), Intonation bis 9. Monat
Nachahmung, erstes Sprachverständnis 9. - 10. Monat
Zuordnung lautlicher Äußerungen zu Gesten und Situationen 12. - 15.
Monat ca. 10 aktive Worte 12. - 18. Monat 30 Worte (mindestens 10); Einwortsätze
(„Mama“ bedeutet: Begrüßung der kommenden Mama; wo ist Mama?;
Mama, ich möchte usw. Die Bedeutung ist an der Intonation zu erkennen.)
18. - 24. Monat 50 - 100 Worte, vorwiegend Substantive, ungeformte Zweiwortsätze
Verb meist in Infinitiv- oder Stammform, meist Endstellung; erstes
Fragealter ca. 30 Monate
schnelle Zunahme des Vokabulars, bewußter kommunikativer Einsatz der
Sprache. Kind ist frustriert, wenn von Erwachsenen nicht verstanden; scheint
alles zu verstehen, was dem Kind gesagt wird (passiver Wortschatz, Wortverständnis)
ca. 36 Mon
ca. 1000 Worte, geformte Mehrwortsätze, bewußtwerden von „Nein“
(erste „Trotzphase“), Bildung des Ausdrucks „Ich“; Beginn des zweiten
Fragealters 4.Lebensjahr
Laute sind vollständig vorhanden; Grammatik wird ausgefeilt, Relativsätze
und Konjugationen eingesetzt. 5. Lebensjahr
Sprache ist gut entwickelt, Abweichungen von der Norm der
Erwachsenen sind eher Abweichungen im Stil. 7. - 8. Lebensjahr
Sprache ist voll gebahnt; Wortschatz ca. 3000 Worte Tabelle 2: Artikulationszonen
der deutschen Konsonanten bi-labial Labio-dental Dento-alveolar Palato-alveolar
palatal velar uvu-lar laryn-geal Plosive P, B T, D K, G Nasale M N NG Frikative
t F, V S, Z z, R ch1 ch2 H Affrikate Pf Ts TR Vibranten R R Laterale L Approximant
u J 4 zum
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