Der  
Bionator als orthopädischer Vermittler zwischen Gebiß  und Wirbelsäule 
H. v. Treuenfels, Eutin Lernen durch Bewegung Jedes Kind entwickelt sich, lernt 
durch Bewegung. Seine Mundbewegungen sind die  ersten und wichtigsten für 
das (Über-) Leben: Atmen, saugen, beißen, kauen, schmek- ken, schlucken und mimische 
Gebärden. Die Beherrschung dieser Mundfunktionen ist  essentiell, ebenso 
für das Sprechen und den Ausdruck der Gefühle (E-Motion = Bewe- gung). Auch die 
kognitiven Fähigkeiten können ohne Bewegung nicht erlernt werden.  Gedanken 
entstehen durch (Sprach-) Bilder, die das Kind sich macht von Dingen die es  
sich vorstellt, also mental bewegt. Je besser und vielfältiger die Bewegungserfahrun- 
gen, desto besser die Voraussetzungen für eine gesunde körperliche, seelische 
und  geistige Reifung und Entwicklung. Dazu gehören gleichermaßen die Körper- 
und  Mundbewegungen. Auf dieser senso- motorischen Tastatur werden die inneren 
Saiten  des Nerven- Sinnes- Systems zum Erklingen gebracht: Das äußerlich 
Gehörte, Gesehe- ne, Geschmeckte, Getastete, Gegriffene kann begriffen, verinnerlicht 
werden. Um et- was zu verstehen, zu begreifen muß das Kind es mit Händen und Füßen, 
Lippen und  Zähnen ergreifen. Mit dem Griff nach den Dingen bildet sich das 
Kind einen eigenen  Begriff von den Dingen. Es will (muß) sich alles nehmen, 
um sich und die Welt  wahr- zunehmen. Eine naturgemäße Entwicklung und Reifung 
muß aber mit optimalen Modalitäten der  am Stoffwechsel beteiligten Atem- 
und Körperbewegungen einhergehen. Dabei spielt  die Eingangsschleuse Mund 
gerade in den ersten Monaten und Jahren die Rolle einer  Schaltzentrale. 
Viele Störungen im Bereich des Bewegungs-, Halte- und Stützapparates  und 
seines Nerven- Sinnes- Systems, die sich in senso- motorischen statisch- dynami- 
schen Fehlleistungen spiegeln, beginnen in der empfindlichen Stillperiode und 
der so- gen. oralen Phase. Dabei werden essentielle Bewegungsmuster (z.B. das 
Saugen an  der Mutterbrust, das Atmen durch die Nase, das Rollen, Kriechen, 
Robben, Krabbeln  usw.) “versäumt“ bzw. nicht zur vollen Funktionsreife entwickelt 
. Erfahrungs- und  Erlebnisdefizite dieser Art können aber aufgeholt,  
die entsprechenden Lücken thera- peutisch, d.h. mund- und gesamtmotorisch, besonders 
kieferorthopädisch, geschlos- sen werden.  Auffälligen Kindern, Jugendlichen 
und sogar Erwachsenen wird damit  eine ganzheitliche Basisförderung geboten. 
Sie dient als „Lernschule der Bewegung“.  Sie durchlaufen heißt  in 
erster Linie, sich durchbeißen. Kieferanomalie und gestörte Kindesentwicklung     
Um das Verständnis der Mundfunktionen in ihrer Ganzheit zu vermitteln, müssen 
wir  mit Begriffen operieren, die der Komplexität und Dynamik des Geschehens 
gerecht  werden. Sie verlangen ein anderes Betrachten, ein vernetztes Sehen 
und Beachten von  Teilen, die wir bisher getrennt haben und nun im Verbund, 
als  Einheit  und Vielfalt in  der Gleichzeitigkeit  erfassen. 
Denken wie nur an die Gleichzeitigkeit (Synchronizität)   und Zusammenwirkung 
(Synergismus) der Atem- Saug- Schluckbewegungen des Neu- geborenen: Die Störung 
einer dieser drei fein aufeinander abgestimmten und eng von- einander abhängigen 
Bewegungen zieht unweigerlich die jeweils anderen beiden  Funktionen in Mitleidenschaft.  
Hier liegt der empfindliche Anfang einer Störungskette, die zunächst den Kinderarzt  
oder Hausarzt aufhorchen läßt, ja letztlich alle Fachdisziplinen (auch die Kieferorthopä- 
die!) auf ihre jeweilige Zuständigkeit aufmerksam machen sollte. Denn – vergessen 
wir  nicht – ohne intakte Mund- und Grundfunktionen kann schließlich keine 
gesunde Kin- desentwicklung aufgebaut werden! Zahnfehlstellungen und Kieferanomalien 
haben oft eine lange pathogenetische Ge- schichte, die manchmal bis in die embryonale 
Lebensphase zurückreicht.  Intrauterine  Lageverschiebungen und Einengungen 
(z.B. Beckenendlage), die mit Wahrnehmungs-  und Bewegungsbeeinträchtigungen 
einhergehen oder gar eine traumatische Geburt  können entwicklungsneurologische 
Schäden und Deformationen mit funktionellen Ein- bußen in der Kiefer- Gesichts- 
Region mit sich bringen. In seinen wissenschaftlichen  Recherchen über das 
Geburtstrauma konnte Bahnemann10 eine Bestätigung dafür  finden, daß die 
resultierenden Zahnstellungs- und Kieferanomalien nicht allein der me- chanischen 
Verformung zuzuschreiben sind. Wenn z.B. intrakranielle Läsionen bzw.  Hämatome 
entstehen , nimmt der durch den Geburtsvorgang deformierte Kopf nicht  mehr 
seine reguläre, sonst schon nach ein paar Tagen sich rückbildende normale Form  
an.  Vielfach entstehen dabei Läsionen im Gehirn (z.B. Hirnstamm), die die 
Kontroll- und  Steuerfunktionen des ZNS nachhaltig behindern. Und hier liegt 
die Besonderheit der  Pathogenese: Die Fehlentwicklungen im Kiefer- Gesichtsbereich 
und die Zahnstel- lungsanomalien sind dann neurologischer Natur. Ihr ganzes Ausmaß 
wird deshalb auch  erst im Laufe des Wachstums  und der gestörten Entwicklung 
evident. Worin liegt die Störung? In der Dynamik der Kräfte, die an den Prozessen 
des Wachs- tums und der Entwicklung beteiligt sind. Es sind die natürlichen und 
selbsttätigen Bil- dekräfte, die am Auf- und Umbau der Gewebestrukturen wirken. 
Sie kommen nicht  optimal zum Zuge, können ihr Potential nicht ganz entfalten. 
Die fein aufeinander ab- gestimmten Wechselwirkungen der Atem-, Saug- und Schluckbewegungen 
müssen ihr  ursprügliches Ordnungsschema verlassen oder erreichen es erst 
gar nicht. Bionator als orthopädischer Vermittler Bei unseren kieferorthpädischen  
Patienten können wir die damit einhergehenden  Fehlleistungen und Fehlhaltungen 
– sei es als Bißverschiebung mit Fehlstellung der  Zähne und Kiefer, sei 
es als Störung im gesamten Bewegungsapparat – oft schon sehr  früh beobachten. 
Die Trias: Schmerz – Geräusche - Bewegungseinschränkung bei  Myoarthropathien 
der Kiefergelenke tritt zwar meistens erst im Jugend- und Erwach- senenalter als 
Beschwerde ans Tageslicht, ihre Pathogenese läßt sich aber oft bis in  der 
Stillperiode zurückverfolgen. Wenn die Mundhaltung offen ist, zu viel oder gar  
überwiegend durch den Mund geatmet wird, der Muskeltonus im Gesicht, an den Lip- 
pen, die Kopfhaltung, ja die ganze Körperhaltung schwach ist, finden wir eine 
Zahn- stellungs- und Kieferanomalie vor, die für viele unserer Patienten typisch 
ist : Eine  Rückbißlage des Unterkiefers, gekoppelt mit tiefer Bißlage und 
oftmals mit ungenü- gender Breitenentwicklung. Diese Art Kieferanomalie, die häufig 
mit einer Lordosie- rung der Halswirbelsäule einhergeht, stellt eine verbreitete 
Form der defizitären  gna- tho- vertebralen Aufrichtung dar9,11,261,263.  
Durch den Einsatz des Bionators können die formenden Kräfte im Gebiß und in der  
Wirbelsäule mobilisiert und gesteuert werden (Abb. 5). Der Bionator wird im Munde  
lose gehalten; er bewegt keinen einzigen Zahn, sondern er wird bewegt, passiv 
mitbe- wegt, am wirksamsten tagsüber, wenn der Mund aktiv ist. Die sogenannten 
Zahnkor- rekturen erfolgen wie von selbst, denn das Gerät ordnet die Bewegtheiten 
(auch die  mimischen) seines Trägers. Wir sprechen hier von einer Neuordnung, 
oder mit Balters  Worten13 von einer Aufrichtung der Mund- Raum- Funktionen. 
Besonders bei der Biß- hebung tragen sie entscheidend zur Vertikalisierung unseres 
Achsenorgans, in Form  eines gnatho- vertebralen Aufrichtemomentes bei. So 
gleicht der Patient seine Bißver- schiebung selbsttätig aus, der Passivität des 
Gerätes steht die Aktivität seines Trägers  gegenüber. Er muß  umlernen, 
beim Saugen (Speichelschlucken), Schlucken, Atmen,  Sprechen und bei mimischen 
Bewegungen einen gewissen Widerstand überwinden.  Alle diese Mundbewegungen 
werden nun, wie beim gesunden Biß, in einer Position  meist nach vorn unten 
in allen drei Dimensionen orientiert u. korrigiert. Durch die füh- renden, stützenden, 
schützenden und stimulierenden Momente werden neuartige Be- wegungs- und Berührungsreize 
vermittelt.  Es kommt zu einer sensomotorischen Um- schaltung im ZNS. Nicht 
das Gerät, sondern der Patient und seine Adaptation sind es, die die ordnenden  
Kräfte für die Heilung der Bißanomalie wirksam werden lassen. Da sich Bewegung 
und  Haltung immer in ihrer Gleichzeitigkeit, Einheit und Vielfalt gebärden, 
erstreckt sich die  Bißkorrektur (vgl. Abb. 7), nicht nur auf die Kiefergelenke, 
sondern gleichermaßen  –  aber nicht immer sichtbar – auf die Kopfhaltung 
und alle  Wirbelgelenke.   Entwicklungsbühne des Lebens Der weit größte 
Teil der Zahn- und Kieferfehlstellungen und die meisten Störungen des  Halte- 
und Bewegungsapparates werden erworben und nicht  ererbt. Im allgemeinen  
weiß also z. B. jeder Zahn oder Wirbel nicht nur wo, sondern auch wie – d.h. in 
wel- cher Stellung – er im Kiefer oder innerhalb der Wirbelsäule seine Funktionen 
über- nehmen muß. Aus den embryologischen Forschungen von Blechschmidt30 ist bekannt,  
daß das Erbgut sich zu Wachstum, Reifung und Entwicklung so verhält wie die Schrift  
eines universellen Theaterstückes zum aktuellen Bühnenspiel: Das Werden im Leben  
muß, den jeweiligen Umständen entsprechend, ständig neu inszeniert  werden.  
Fehlerhafte Zahn- oder Gelenkstellungen sind also meistens nicht die Folge einer 
fal- schen Erbschrift, sondern sichtbare Zeichen einer unangemessenen Inszenierung 
auf der Entwicklungsbühne. Zum Hintergrund dieser Fehlentwicklung gehört eine 
Summe verschiedener ( und z.T. genannter) Störfaktoren, denen der Mensch das ganze 
Leben hindurch, vom Embryo  bis zum Alter, ausgesetzt sein kann. Die Ordnung 
der Lebens- und  Alltagsgewohnhei- ten, vom Bewegungs- bis hin zum Eßverhalten, 
vom näheren familiären Umfeld bis  zum weiteren sozialen und schulischen 
Milieu, ist ein Faktor von großer gesundheitli- cher Bedeutung. Hier zeigt sich, 
wie und was gelebt und erlebt wird, welche Haltung  der Mensch zum Leben 
hat, wie er sich hält, verhält und sich den Problemen stellt. Oft  können 
weder Arzt, Therapeut noch Patient an den belastenden Lebensumständen  grundsätzlich 
etwas ändern. Ein dauerhafter Therapieerfolg läßt sich aber erreichen,  sobald 
der Patient eine echte Bereitschaft zur Wandlung zeigt, indem er sich helfen  
läßt, seine Haltung und Einstellung zu ändern.  Für den Orthopäden bzw. Kieferorthopäden 
würde dies bedeuten: Nicht alles machen  was machbar ist, sondern möglichst 
viel möglich machen, was nicht machbar ist!  Denn Bewegung, Haltung und das 
Sichentwickeln und Sichaufrichten, und sei es noch  so dörftig, läßt sich 
therapeutisch  fördern, aber nicht in Auftrag geben. Orthopädie beim Wort 
genommen heißt: Erziehung zum geraden (rechten) Wachsen,   orientierende 
Hilfe zur Aufrichtung, Entwicklung und Reifung. Den Zahnärzten und  Kieferorthopäden 
fällt die Aufgabe zu, an diesen Vorgängen der Menschwerdung mit- zuwirken, und 
zwar über den Mund und das Gebiß.
 
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