Manualtherapie 
als Mitbehandlung bei neuropädiatrischen Krankheitsbildern 
M. Kleine , G. Wiese,  Hamm Vorbemerkungen Die frühkindliche Entwicklung 
basiert auf der Differenzierung sensomotorischer Programme, die  von der 
Anlage her zwar genetisch determiniert sind, bezüglich ihrer endgültigen 
Ausformung aber  von Umwelteinflüssen abhängen. Einen wesentlichen 
Faktor in diesem Differenzierungsprozeß  stellt die Ausbildung von 
Regelmechanismen zur Steuerung der Körperlage dar. In unserer neuropädiatrischen 
Praxis behandeln wir ca. 1000 neue Patienten pro Jahr mit  Erkrankungen aus 
praktisch dem gesamten, sehr heterogenen Spektrum der Neuropädiatrie.  
Manualtherapie, additiv zu physiotherapeutischen und pädagogischen Maßnahmen, 
kam bei uns  bisher unter folgenden pathophysiologischen Überlegungen 
zum Einsatz: Dies geschieht in frühester Kindheit über die Integration 
von Halte-, Stell- und statokinetischen  Reflexen,- generiert in Stamm-, 
Mittel- und Kleinhirn sowie den Basalganglien, in das  Gesamtkonzept des 
Gleichgewichts-Systems. Hierbei benutzt das ZNS z.B. zur „Einstellung des  
Kopfes im Raum", zum aufrechten Gang Informationen aus dem Innenohr und, was ganz 
wichtig  ist, aus den Wirbelgelenken. Den muskulären ligamentären 
und artikulären Strukturen kommt in  diesem Regelkreis eine wichtige 
Bedeutung zu, da ihre propriozeptiven Rezeptoren, z.B. im  sogenannten „Nackenfeld“, 
ein entscheidendes Element der sensomotorischen Steuerung  darstellen.  
Muskeltonus ist nicht nur ein Elastizitätszustand der Muskulatur im eigentlichen 
Sinne, sondern ein  Bereitschaftszustand, eine ständige physiologische 
Adaptation und Organisation der Peripherie.  Dies geschieht über die 
Muskelfasern selbst, die Proprio- und Nozi- Rezeptoren, die alpha- und  gamma-Motoneuronen, 
die Renshaw-Zellen und vor allen Dingen über spinale Interneuronen, die  
mittels oligo- und polysynaptischer Reflexmechanismen auf spinaler Ebene miteinander 
in  Verbindurng stehen. Funktionelle segmentale Störungen führen 
demnach bei Säuglingen über die cortikalen und  subcortikalen Verschaltungen 
auch immer zur  Beeinflussung der frühkindlichen neuromotorischen  
Entwicklung. Andererseits bedingen primär cerebrale Läsionen im Sinne 
von Mißbildungen oder  Zerstörungen ihrerseits auch Dysfunktionen 
der Peripherie, weil das pathologische motorische  Muster eine gestörte 
sensorische Koordination und fehlerhafte Wahrnehungsverarbeitung zur  Folge 
hat. Im Rahmen von Kompensationsmechanismen pfropft sich auf die primär hirnorganische  
Fehlfunktion" dann mit der Zeit eine progrediente Sekundärpathologie zentral 
und peripher auf.  Hierzu zählt z.B. auf Rückenmarksebene in erster 
Linie die Entstehung der Spastik als Ausdruck  einer Imbalance zwischen erhöhtem 
Alpha-Moto-Neuroren-Aktivitäts-Niveau und reduzierter Inhibition der Interneuronen-Verbände, 
als  Ausdruck suprasensitiver postsynaptischer Rezeptoren nach Degeneration 
präsynaptischer  Endigungen der absteigenden Bahnen, als Ausdruck auch 
direkter muskulärer funktioneller  Imbalancen, da sich die tonischen 
posturalen Muskelfasern auf Dauer verkürzen, die phasischen  Muskelfasern 
funktionell abschwächen, letztendlich auch als Ausdruck möglicherweise  
stattfindender Aussprossung von Axonen und Synopsen im Sinne eines sogenannten 
"Sproutings"  (spinal aber bisher nicht eindeutig nachgewiesen). Auf zentraler 
Ebene kommt es im Rahmen der  Sekundärpathologie zu einer geänderten, 
"oft verarmten" sensorischen Wahrnehmung. Primär  sinnvoll angelegte 
afferente und efferente Verschaltungen werden bedeutungslos oder unsinnig,  
dementsprechend inhibiert, teilweise zurückgebildet im Sinne einer negativen 
neuroplastischen  Regulation. Aus diesen Überlegungen heraus ist die 
manualtherapeutische Behandlung segmentaler  Dysfunktionen – mit daraus resultierenden 
abnormen spinalen Afferenzen – eine  entwicklungsphysiologisch gesehen vernünftige 
therapeutische Maßnahme sowohl beim an sich  "ZNS- gesunden" Kind mit 
primär peripheren Problemen (z.B. Geburtstrauma etc.) als auch beim  
primär "zentral Geschädigten", letztendlich auch bei muskulär Erkrankten. 
Ergebnisse der Manualtherapie bei unseren Patienten In den letzten 5 Jahren kamen 
bei unseren Patienten unterschiedliche manualtherapeutische  Maßnahmen 
zum Einsatz, am häufigsten die sog. Atlastherapien, isoliert oder kombiniert 
mit Ma- nipulationen im ISG- Bereich oder segmental, seltener die Osteopathie 
im Sinne einer cranio-  sakralen Therapie, kombiniert mit Myofascial Release, 
Reflexzonen- Massage, Akupunktur etc. Die Anwendung der Manualtherapie erfolgte 
überwiegend bei Kindern mit „signifikanten" Tonus-,  Haltungs- und Bewegungsauffälligkeiten 
unterschiedlicher Genese (peripher oder zentral) und  Ausprägung (vom 
"schiefen Säugling" bis zur schwersten Mehrfachbehinderung). Wir setzten 
sie  vereinzelt ein bei Patienten mit sogenannten Teilleistungsschwächen 
und reaktiven  Verhaltensauffälligkeiten oder Schulschwierigkeiten. 
Gar nicht zur Anwendung kam die  Manualtherapie  bei primären Muskelerkrankungen, 
ausgeprägten Retardierungen ohne  signifikante Bewegungsauffälligkeiten 
und isolierten Epilepsien. Sogenannte "Schreikinder" waren  in unserem Patientenkollektiv 
nicht überzufällig häufig. Nlicht von allen Patienten erhielten 
wir  regelmäßig Rückmeldung, so daß die Auswertung 
letztendlich etwas unvollständig bleiben muß. Seit Anfang 1996 setzen 
wir bei „schiefen Säuglingen" nahezu ausschließlich Yamamoto-Schädel- 
akupunktur ein und zwar mit gleich gutem Effekt wie mit den vorgenannten Methoden, 
so daß in  dieser Zusammenstellung Kinder aus dem Geburtsjahr 1996 
nicht mehr erscheinen. Zur Ergebnisdokumentation benutzten wir rein klinische 
Parameter wie den Ruhemuskeltonus, die  spontanmotorische Haltungs- und Bewegungsqualität, 
den Grad der passiven Gelenkbeweglichkeit,  wobei man kritisch anmerken sollte, 
daß es trotz zahlreicher, seit Jahrzehnten auf dem Markt  befindlicher 
physiotherapeutischer und krankengymnastischer Therapien auch so gut wie keine  
Studien mit gruppenstatistisch vergleichbarem Design zur Ergebnisbeurteilung diesbezüglich  
existieren, nur wenige klinisch-neurophysiologisch dokumentierte Untersuchungen. 
Die meisten  "Outcome"-Studien zeigen aber, daß Krankengymnastik grundsätzlich, 
ebenso wie heil- pädagogische Maßnahmen, wirksamer sind als therapeutischer 
Nihilismus. Die heterogene Symptomatik und die kleinen Patientenzahlen lassen 
eine statistische Auswertung  unserer Beobachtungen nicht zu. Demzufolge 
erscheinen die Ergebnisse jetzt zunächst nach  Hauptsymtomem in Gruppen 
zusammengefaßt, in Tabellen, anschließend werden einzelne  Langzeitverläufe 
gegenübergestellt. Tab: Zusammenfassung der Ergebnisse: Hauptdiagnose: davon 
gebessert 7 Diparesen 6 5 Hemiparesen 3 7 Diparesen mit Hemisymptomatik 7 6 Tetraparesen 
5 3 Körperkoordinationsstörungen keine 14 asymm. Bewegungsstörungen 
11 42 Gesamtanzahl 32 Zusammenfassung  Durch Manualtherapie sind tatsächlich 
eindeutige Tonus-, Haltungs- und Bewegungsänderungen  zu erzielen. Vor 
allen Dingen Kinder ohne zentrale Auffälligkeiten odermit lediglich leichten  
zentralen Beeinträchtigungen erreichen durch die additiven Manipulationen 
zumindest kleine  "Entwicklungssprünge" innerhalb kürzester Zeit 
(Tage bis Wochen),die sie dazu befähigen, das  neue Niveau mittels eigener 
Strategien anschliessend zu stabilisieren. Je schwerer und komplexer  die 
primär zentrale Symptomatik, desto vorübergegehender waren die manualtherapeutischen  
Effekte, desto häufiger mußten erneut Manipulationen eingesetzt werden 
zum verbesserten  Funktionserhalt, wenn auch gegebenenfalls nur „biomechanisch". 
Je sanfter die angewandte  Methode sich darstellt, desto weniger sind Langzeitnebenwirkungen 
zu erwarten. Hier fehlen aber  noch Vergleiche zwischen den einzelnen manualtherapeutischen 
Maßnahmen bezüglich Effektivität  und Langzeitverlauf.  
Keines unserer Kinder zeigte eine anhaltende Verschlechterung seiner Gesamtproblematik, 
keines  eine Verbesserung des pathologischen EEG- Befundes.  Dieses 
hört sich alles recht „wenig" an, aber in Anbetracht der geringen erfolgreichen  
Möglichkeiten im sogenannten schulmedizinischen Bereich ist es doch ein positiver  
Therapieansatz. Manualtherapie sollte daher in Behandlungsplänen neuropädiatrisch 
erkrankter  Kinder immer mitdiskutiert und individuell gezielt eingesetzt 
werden, selbstverständlich additiv zu  anderen Maßnahmen.

 
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