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Über
einen Umweg zum Erfolg F.Dahm, Hagen Berichtet wird von einem 7 1/2
Jahre alten Jungen mit hyperkinetischem Syndrom, bei dem SI-Therapie und
psychologische Behandlung seit dem 4. Lebensjahr mit wechselndem Erfolg
eingesetzt wurden. Besonders die motorischen Probleme waren therapeutisch nur
schwer zugänglich. Zur Verbesserung der orofacialen Situation (es bestanden
Kreuzbiß, Sigmatismus und nächtliches Zähneknirschen) wurde
chirotherapeutisch behandelt. Die Sprachstörung und das Zähneknirschen
lösten sich auf. Gleichzeitig kam es zu einer sprunghaften Verbesserung
der feinmotorischen Fähigkeiten des Jungen. Außerdem konnte eine
Verbesserung der Wahrnehmungsstörung dokumentiert werden. Die Antriebsstörung
blieb hingegen unbeeinflußt. Berichten möchte ich über A.,
einem jetzt 7 1/2 Jahre alten Jungen, den ich seit drei Jahren in meiner
Betreuung habe. Er ist kein Kind, dem die chirotherapeutische Indikation auf die
Stirn geschrieben stünde. Sorge bereitete A. seiner Mutter vor allem
wegen ausgeprägter hyperkinetischer Verhaltensmuster. Dies war auch
der Grund für die Erstvorstellung des Jungen in meiner Praxis. Auf
die Idee einer manualtherapeutischen Mitbetreuung kam ich recht spät auf
Anregung eines Zahnarzt- Kollegen. Anamnese: A wurde am problemlos
in der 39. SSW entbunden. Auch die Perinatalperiode verlief bis auf leichte
Trimenonkoliken ungestört. Das Baby wurde 6 Monate gestillt. A.s Eltern und
das Vorsorgeheft des Kindes berichten in weitgehender Übereinstimmung
von einer altersgerechten somatischen und psychomotorischen Entwicklung.
Die Fotos aus jener Zeit sprechen für ein wohliges Gedeihen und gegen
eine Symetriestörung. Vom ersten Problem berichten die Eltern ab dem 18.
Lebensmonat. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete die Mutter bereits wieder halbtags
und ist erneut schwanger. Vormittags wird A. von den Großeltern betreut.
Anfänglich werden die auftretenden Probleme allein auf diese Pendelerziehung
zurückgeführt. Der Junge ist jedoch weniger ungehorsam als umtriebig.
Sein unermüdlicher Unternehmungsgeist und motorischer Tatendrang rauben
Eltern und Großeltern so manchen Nerv. Durch Ermahnungen allein ist
er kaum zu bremsen. Erstuntersuchung Bei der Erstvorstellung in meiner Praxis
bestimmte A. den Verlauf der Konsultation. Seine Eltern, meine Arzthelferin
und ich hatten nur damit zu tun, der Demontage des Sprechzimmers entgegenzuwirken.
Gut gelaunt, sehr neugierig und rege nutzte er jeden unkontrollierten Moment für
ein neues Experiment: kippelte und kippte mit der Untersuchungsliege, erklomm
den Schrank und so weiter. Jeder von Ihnen hat sicher genug Erfahrung und
Phantasie, sich die Situation weiter auszumalen. Bemerkenswert war bereits
an diesem Tag die unheimliche Lebensfreude und Freundlichkeit, die A. trotz
allem ausstrahlte. Auch bestand ein merklicher Wille zur Kooperation, der
jedoch schnell wieder durch A.s eigene unaufschiebbar auf Ausführung drängende
Ideen zerstört wurde. Die Denkabläufe des Jungen waren altersentsprechend
logisch. Er zeigte eine rege Phantasie. Es bestand ein erheblich reduziertes
Konzentrationsvermögen. A. zeigte keine aggressiven bzw. dissozialen
Verhaltensmuster. Der neurologische Status war von einer regen Reflextätigkeit
und wechselndem Grundtonus geprägt. Das Gleichgewicht war unsicher,
einbeiniges Hüpfen unmöglich. Die Bewegungsabläufe waren
weit ausholend, ungenau und von reichlich assoziierten Bewegungen begleitet.
Bei der Analyse der familiären Interaktion wurde eine deutliche Tendenz
zur Pendelerziehung sichtbar. Der bereits zu diesem Zeitpunkt schwer
an Leukämie erkrankte Vater übte eine übergroße Nachsicht
gegenüber den Kindern aus. Ein für seine Situation sicher verständliches
Verhalten. Die Erziehungslast lag dadurch jedoch fast ausschließlich
auf den Schultern der Mutter. Therapie und Verlauf Zur Korrektur dieser Situation,
die von beiden Jungen deutlich ausgenutzt wurde, riet ich den Eltern zu
einer familienpsychologischen Mitbetreuung. Diese wurde dankbar angenommen und
half der Familie später auch nachhaltig bei der Bewältigung der
Trauerarbeit, als der Vater bald darauf verstarb. Initial erhielt A. zur sensomotorischen
Förderung Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage.
Wie bei fast allen Kindern mit hyperkinetischen Störungen ließen Erfolge
lange auf sich warten. Für mich erfreulich zu beobachten war vor allem
das gemeinsame Streben der Familie nach Verbesserung. Zu keiner Zeit kam
es zu Ausgrenzungstendenzen. Der sich stabilisierenden Familiensituation
ist sicher A.s allgemein verbesserte soziale Kompetenz zu verdanken. Die
Wahrnehmungsschulung und die motorische Förderung zeigten nur sehr schleppende
Verbesserung. Plumpe, schwerfällige aber zugleich auch stets hektische
Bewegungsabläufe bestimmten A.s Motorik mit Eintritt in das Schulalter.
Seinem Körper war das scheinbar Unmögliche gelungen: eine Symbiose
zwischen der unruhigen und emsigen Honigbiene und einem tapsig schwerfälligen
Tanzbär. Die Anpassung an den Stundenablauf fiel ihm äußerst
schwer; Pausendisziplin war ihm unmöglich. Bis hierhin werden Sie sich sicher
schon mehrfach gefragt haben, wo der chirotherapeutische Aspekt bleibt.
Ich hoffe dies zumindest, denn auch mir blieb er bis hierhin verborgen.
Es war die U9 des Jungen, die den Stein ins Rollen bringen sollte. Neben dem bisher
Geschilderten fiel bei der Sprachprüfung des Kindes ein starker Sigmatismus
auf. Diesen brachte ich in Beziehung zu einer Zahnstellungsanomalie; A.
bot einen Kreuzbiß. Ich sah deshalb keine Indikation für sprachtherapeutische
Maßnahmen, sondern überwies den Jungen zur Kieferchirurgie. Der
Kollege bestätigte zwar, daß die Ursache des Sprachfehlers in der Fehlstellung
des Kiefers zu sehen sei. Er bezweifelte aber auch zugleich die Möglichkeit
einer Klammertherapie bei diesem umtriebigen Burschen. Als Alternative riet
er zu orofacialer Stimulation. Bei der aus diesem Grund durchgeführten
Kontrolluntersuchung wurde mir schlagartig klar, daß es sich um eine, wenn
auch scheinbar eng umgrenzte, Tonusregulationsstörung handelt, die
den Unterkiefer aus der Achse gezogen hat. Die Untersuchung sicherte eine
Tonusdifferenz mit gesteigerter Spannung der rechten Nacken- und Kiefermuskulatur.
Im Bereich von Lippen-, Zungen- und Gaumenmuskulatur fand sich kein auffälliger
Befund. Anstelle der empfohlenen Therapie überwies ich A. zur Manualtherapie.
Der Erfolg war verblüffend. Resultat Es wäre des Erfolges sicherlich
bereits genug, wenn ich jetzt vom Auflösen des Sigmatismus und vom
Verschwinden des nächtlichen Zähneknirschens innerhalb von 6 Wochen
nach chirotherapeutischer Intervention berichten kann. Aber der Erfolg greift
noch weiter! Das Schriftbild des Kindes hat sich deutlich verbessert. Zufrieden
berichtet mir A.: "Ich darf jetzt mit Federhalter schreiben. Ich brauche
keinen Kugelschreiber mehr. Die Lehrerin ist stolz auf mich, daß ich mir
jetzt so viel Mühe gebe." Die verbesserte Feinmotorik zeigt sich auch im
Menschtest. Darüber hinaus zeugt er auch von einer gereiften Selbstwahrnehmung
und Selbstsicherheit. Parallel zu diesen Erfolgen verbesserte sich A.s Konzentrationsvermögen
langsam und stetig. In ruhiger, reizreduzierter Umgebung ist er jetzt zum
Beispiel in der Lage, seine Hausaufgaben zügig und ordentlich zu erledigen.
Seine schulischen Leistungen werden von der Lehrerin als gut beurteilt.
Besonders wurde seine Auffassungsgabe für Mathematik hervorgehoben.
Was allen Bemühungen zum Trotz blieb ist A.s unkontrollierte Antriebssteigerung
bei Reizüberflutung. Noch heute kündigt sich sein Besuch in meiner
Praxis mit drastischer Zunahme der Lautstärke im Wartezimmer an. Und
wenige Minuten später betritt ein völlig durchgeschwitzter, über
das ganze Gesicht strahlender Junge das Sprechzimmer. zum
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