| |
KISS- Kinder:
eine katamnestische Untersuchung H.Biedermann,
Antwerpen In
den letzten 15 Jahren wurden von uns über 5.000 Kleinkinder unter 24 Monaten
untersucht und größtenteils auch behandelt. Sie waren wegen Störungen
zugewiesen worden, bei denen eine vertebragene (Teil-) Ursache vermutet wurde.
Die pro Jahr vorgestellten Kinder nahmen über ca. 75 in 1984 bis zu ca. 1.000
im Jahr 1997 kontinuierlich zu. Zur Überprüfung der Behandlungsergebnisse
manueller Therapie bei Kleinkindern wurden aus den in der Zeit zwischen Mai 1994
und April 1995 behandelten 584 Kleinkindern unter 24 Monaten Erstbehandlungsalter
eine Zufalls- Stichprobe von 300 Babies gezogen und versucht, die Familien zu
erreichen. Bei 263 dieser Kinder gelang dies. Die Telefoninterviews wurden Anfang
1997 geführt. Auf dieser Grundlage entstanden die im Folgenden aufgeführten
Auswertungen. Allgemeines Die
Einweisungen erfolgten in 42% der Fälle durch Ärzte und in 49% durch
Physiotherapeuten (111 bzw. 130); bei den restlichen 20 Babies war kein Einweisender
angegeben worden. Diese Zahlen sind nicht ganz stichhaltig, da sie nur die von
den Eltern als erste angegebene Adresse widerspiegeln, was nicht zuletzt auch
Aufschluß über die Vertrauensperson der Eltern ermöglicht. Etliche
der von den Ärzten zugewiesenen Kinder kamen schlußendlich auf
Veranlassung der Krankengymnasten, die die Ärzte auf die zusätzliche
Behandlungsmöglichkeit hinwiesen, so daß der effektiv von den Physiotherapeuten
verantwortete Prozentsatz eher bei ¾ liegen dürfte. Das hat sich in
den letzten Jahren und Monaten insofern geändert, als jetzt mehr und mehr
Babies von Kinderärzten und vor allem Neuropädiatern geschickt werden,
bevor überhaupt eine Physiotherapie eingeleitet worden ist. Das Durchschnittsalter
der Mutter bei Geburt lag bei 29 Jahren. 119 waren Erstgebärende, 59 Zweit-Para,
bei 24 Kindern war es die dritte Entbindung und bei 4 die vierte. Zwillinge waren
wesentlich häufiger als in der Gesamtstatistik ausgewiesen (17 Mehrlinge
d.h. 6,5% gegenüber 1,4% in der Übersichtsstatistik NRW 1995). Bei 30
Entbindungen wurde über die Verwendung von Extraktionshilfen berichtet (27x
Vacuum- Extraktor, 3x Zange). Eine Sectio war bei 19,4% der Fälle angegeben
(51 Angaben). In fünf Fällen wurde eine intrauterine Querlage angegeben,
in 2 Fällen eine Steißlage und in 24 Fällen eine Beckenendlage.
Die männlichen Säuglinge waren mit 58,8% bei unseren Patienten
deutlich überrepräsentiert (154 zu 108 weiblichen Babies). Eine ähnliche
Häufung pathologischer Befunde wird auch bei Kindern mit POS bzw. ADS berichtet
(psycho-organisches Syndrom[Ruf-Bächtiger, 1995 #1628]; Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom[Munoz-Millan,
1989 #1643], engl.: ADHD Attention Deficit- Hyperactivity Disorder).
| Behandlungsfrequenz | Anzahl
der durchgeführten manualmedizinischen Behandlungen: | Behandlungen: |
| 1 | 212 | 80.9% |
| 2 | 41 | 15,6% |
| 3 | 4 | 1,5% |
| 4 | 2 | 0,8% |
| 5 | 2 | 0,8% |
| Gesamt: | 263 | 100% |
Entsprechend
dem Grundprinzip minimalistischer Manualtherapie wurde angestrebt, mit einer möglichst
geringen Anzahl von Behandlungen auszukommen. Von den 263 Babies wurden 81% (213)
nur einmal behandelt. Bei denjenigen, wo mehrere Behandlungen vonnöten waren,
mußten die meisten zweimal behandelt werden (41, d.h. 16% der Gesamtgruppe).
Nur ein verschwindend kleiner Teil wurde öfters behandelt; 4 Babies dreimal,
je 2 Babies vier bzw. fünfmal. Zu dieser Gruppe von 8 Kindern hier einige
Bemerkungen:Vier der Kinder hatten nach der zweiten Behandlung eine deutliche
Besserung und die Nachbehandlungen erfolgten weniger wegen eines besonders ungünstigen
Verlaufes, als wegen sehr besorgter Mütter. Bei einem Kind lag bei Beginn
der Behandlung eine ganz ausgeprägte Schädelasymmetrie vor, die das
funktionelle Ergebnis ungünstig beeinflußte. Bei drei Kindern konnte
keine nennenswerte Beeinflussung der Beschwerden erreicht werden. Hier wurde die
Behandlung nach drei bzw. vier Terminen abgebrochen und die Kinder an die Physiotherapeuten
weiterverwiesen. Weder in den allgemeinen Kriterien (Alter Erstbehandlung,
Geburtsgewicht, Alter der Mutter bei Entbindung etc.) noch in den Beobachtungen
nach der Erstbehandlung fielen diese acht Babies aus dem Rahmen. Bei der Gruppe
der vier Kinder mit deutlicher Besserung nach der zweiten Behandlung kam es zu
mehreren Vorstellungen vor allem wegen zwischenzeitlicher Traumen. Die Behandlungen
bei den späteren Vorstellungen waren in allen Fällen mit einer weniger
nachhaltigen Technik durchgeführt worden als die Erstbehandlung.
Bei den Babies, die zweimal behandelt wurden, fand
sich eine deutliche Häufung älterer Kinder. Während das Erstbehandlungsalter
der Gesamtgruppe bei durchschnittlich 6,5 Monaten lag (Medianwert: 5,7 Monate),
war der Mittelwert bei den Kindern mit zwei Behandlungen 7,7 Monate (Median: 6,5).
Aus der klinischen Beobachtung unserer kleinen Patienten wissen wir, daß
die Vertikalisierung eine wichtige Zäsur für die Prognose ist. Das Laufenlernen
setzt bei Mädchen um den 11. Monat, bei Jungen vier bis sechs Wochen später
ein. In dieser Phase werden anscheinend wichtige, bis dahin noch leicht formbare
Bewegungsmuster fixiert und sind später nur schwieriger modifizierbar.
Die Altersunterschiede der beiden Gruppen weisen in dieselbe Richtung.
Erst- Symptomatik Wenn
man die von den Altern bei der Erstvorstellung geschilderten Auffälligkeiten
zusammenstellt ergibt sich folgendes Bild:
| Schiefhals | 86,3% | 227 |
| Schädelasymmetrie | 12,6% | 33 |
| Entwicklungsverzögerung | 11,4% | 30 |
| Fehlhaltung, fixierte | 33,5% | 88 |
| davon: opisthoton | 7,2% | 19 |
| Unruhe, Schreien, Schlafstörung | 5,3% | 14 |
| Fehltonisierung der Muskulatur | 6,8% | 18 |
Behandlungseffekte:
Der Hauptbefund weswegen die Kleinkinder
vorgestellt worden waren ist die Schiefhaltung von Kopf und/oder Rumpf. Deren
Änderung war für die Eltern der sichtbarste Behandlungseffekt. Die Schiefhaltungsänderung
nach Behandlung wurde als „gut“ beurteilt (<2> auf einer Skala von 1-6, analog
zu den Schulnoten; Median: <1>). Die Zeit zwischen Behandlung und Besserung
des Befundes wurde durchschnittlich mit 9 Tagen angegeben (Median: 2 Tage). Eine
differenziertere Auswertung dieser Angaben folgt weiter unten. Die Angeben der
Eltern wurden nach der Schulnotenskala abgefragt. Bei Versuchen, eine für
möglichst viele Befragte nachvollziehbare Skala zu finden, hat sich diese
Methodik herauskristallisiert. Dabei wurde – wie in der Schule – die <6> fast
nie vergeben, sodaß die folgenden „Übersetzungen“ zugrunde liegen:
| Note | Beurteilungskategorien |
| 1 sehr gut | nichts |
| 2 gut | leicht |
| 3 befriedigend | deutlich |
| 4 ausreichend | ausgeprägt |
| 5 mangelhaft | schwer |
Angaben
zum Abstand zwischen Behandlung und Eintreten der Besserung (Angaben der Eltern
in 193 Fällen erhebbar):
| Abstand zur Behandlung | n
= 193 | prozentual |
| 1 Tag | 95 | 49,2% |
| 2-3 Tage | 10 | 5,2% |
| 4-5 Tage | 5 | 2,6% |
| 1 Woche | 10 | 5,2% |
| 2 Wochen | 23 | 11,9% |
| 3 Wochen | 29 | 15,0% |
| 3-4 Wochen | 21 | 10,9% |
| Gesamt: | 193 | 100% |
Befundentwicklung nach manualmedizinischer Behandlung: Wie
schon oben angedeutet, zeigt die Zeit/Effektkurve für die Manualtherapie
kein harmonisches Abklingverhalten. Die klinische Erfahrung hatte uns schon vorher
zweierlei Effekte nach manualmedizinischen Eingriffen gezeigt (vgl. Liste im Anhang
dieses Kapitels): – Kinder, bei denen (damals
gegen unseren Rat) nicht sofort nach der Behandlung der HWS mit Physiotherapie
o.ä. weitergemacht worden war, zeigten einen besseren Verlauf –
Immer wieder berichteten die Eltern, daß der Effekt der Behandlung nicht
gleich eingetreten sein, sondern einige Tage und Wochen später erst deutlich
geworden sei. – Manche Eltern berichteten über eine Art Durchgangssyndrom.
Es kam erst zu einer gewissen Verschlechterung, bevor sich die positive Entwicklung
durchsetzte. Dieses Phänomen ist aber sehr selten bei den ganz kleinen Kindern
und wesentlich häufiger bei Schulkindern mit KIDD-Symptomatik zu beobachten.
Zur Abklärung dieser Fragen stellten wir bei den Interviews die Frage
nach dem Eintreten der Besserung möglichst präzise. Da die Eltern aber
in den wenigsten Fällen mit exakten Angaben antworteten, ist eine gewisse
Ungenauigkeit unvermeidlich, die nur durch die relativ großen Zahlen unserer
Gruppe bis zu einem gewissen Punkt kompensiert wird. Im Folgenden nun die Angaben
für die verschiedenen Beschwerdekomplexe: Eintritt
der Besserung nach Manualtherapie (in Tagen) a
fixierte Retroflexionshaltung b Kopf- Schiefhaltung
c Muskel- Fehltonisierung d
einseitige Schlafhaltung e Schreiattacken f
Eßstörungen
| Besserung nach MT | a | b | c | d | e | f |
| unmittelbar danach | 13 | 9 | 3 | 17 | 29 | 4 |
| innerhalb 24 Stunden | 1 | 0 | 0 | 1 | 1 | 0 |
| am 2. Tag | 0 | 1 | 0 | 0 | 1 | 0 |
| am 3. Tag | 0 | 2 | 1 | 0 | 1 | 0 |
| am 4. Tag | 1 | 0 | 0 | 0 | 0 | 0 |
| nach einer Woche | 3 | 2 | 0 | 2 | 6 | 1 |
| nach zwei Wochen | 4 | 2 | 2 | 4 | 7 | 2 |
| nach drei Wochen | 3 | 0 | 0 | 3 | 0 | 0 |
| nach vier Wochen | 2 | 1 | 0 | 3 | 3 | 0 |
| später | 3 | 1 | 1 | 2 | 1 | 0 |
Neben der Frage
nach Besserung der Einzelsymptome war an anderer Stelle auch nach der Gesamtbeurteilung
gefragt worden. Die Antwort hierfür war ähnlich:
| Besserung nach MT | Gesamtbeurteilung |
| unmittelbar danach | 101 |
| innerhalb 24 Stunden | 4 |
| am 2. Tag | 4 |
| am 3. Tag | 5 |
| am 4. Tag | 5 |
| nach einer Woche | 16 |
| nach zwei Wochen | 26 |
| nach drei Wochen | 31 |
| nach vier Wochen | 6 |
| später | 5 |
Der
zweite Gipfel ist bei dieser nichtlinearen Darstellungsweise (die sich aus der
Art der Antwort der Eltern bei den Interviews ergeben hat) sehr deutlich. Aber
auch wenn man die Daten linear darstellt zeigt sich, daß kein einem Abklingen
vergleichbarer Kurvenverlauf entsteht sondern eine überzufällige Häufung
bei zwei bis drei Wochen. Dies sollte man bedenken, wenn man den die Kontrolluntersuchung
nach (Erst-) Behandlung vereinbart. Wir schlagen in der Regel bei Kleinkindern
eine Kontrolle einen Monat nach Erstbehandlung vor, bei Schulkindern lassen
wir – wenn keine anderen Gründe zu Eile mahnen – zwei bis drei Monate vergehen.
Diese Auswertung ist auch bei der Nachbeobachtung der Effekte manualmedizinischer
Intervention bei der Mitbehandlung von zentral behinderten Kindern (z.B. CP) sinngemäß
gleich (vgl. den Beitrag Theilers). Gerade bei älteren Kindern findet man
häufiger eine Erstverschlechterung bzw. anfängliche Irritation nach
Manualtherapie. In dieser Phase nicht zu behandeln sollte in Kenntnis der obigen
Auswertungen leichter fallen. zum
Inhaltsverzeichnis
go top |