Zur 
Evolution der menschlichen Becken- und Rumpfform H. Preuschoft, Bochum 
Zu den auffälligen und oft erörterten morphologischen Besonderheiten 
des Menschen gehört die  Form seines Beckens. Eine funktionelle Erklärung 
ist  von erheblicher Bedeutung für die sinn- volle operative Versorgung 
von Beckenfrakturen, aber auch für  das Verständnis der Stammes- 
geschichte des Menschen.  Zudem  würde sie eine wesentliche Vervollständigung 
unserer  Kenntnisse über den Zusammenhang zwischen Form und Funktion 
der Skeletteile bedeuten. Das menschliche Becken unterscheidet sich (Abb. 1) von 
demjenigen unserer nächsten leben- den biologischen Verwandten, den Menschenaffen, 
durch seine Kürze, die Ausbildung einer In- cisura ischiadica (vgl. auch 
Abb. 7 b), die Stellung der Darmbeine und seine große Außenfläche,  
die z.T. durch die Breite des Sacrum bedingt ist.  Das Becken ist fest verbunden 
mit der 5 Seg- mente langen Lendenwirbelsäule, die ihrerseits durch die bekannte 
Lordose gekennzeichnet ist.  Diese Beckenform besteht seit mindestens 1.6 
Millionen Jahren. Die Vorläufer der Menschen,  die Australopithecinen, 
hatten ein Becken, das in vielen Merkmalen in der Mitte zwischen den  Menschenaffen 
und den heutigen Menschen steht. Außerdem besaßen sie eine ausgeprägte  
Lordose der Lendenwirbelsäule. Für die Menschenaffen ist charakteristisch 
die Länge des Beckens, die geringe Breite des  Sacrum, das Fehlen der 
Incisura ischiadica und die Stellung der sehr breiten Darmbeine fast in  
der Frontalebene. Die Lendenwirbelsäule ist um ein oder auch zwei Segmente 
kürzer als die des  Menschen, der Rumpf infolgedessen nur wenig beweglich 
und die Lordose ist – wenn überhaupt  – nur sehr schwach ausgebildet.  
Bei den übrigen Primaten, den Altwelt- Neuwelt- und Halbaffen, wie auch bei 
den meisten ande- ren kleineren Säugetieren ist das Becken lang, die Darmbeine 
stabförmig gestreckt und ohne  Incisura ischiadica. Das ganze Becken 
ist ventralwärts gegen die sehr lange (5 - 9 Segmente)  Lendenwirbelsäule 
gekippt (Abb. 2). Diese Beckenform findet sich - soweit bekannt - auch bei  
den fossilen Primaten, die als miozäne Vorläufer der Hominiden angesehen 
werden.  Wie Witte et al. 1991 gezeigt haben288, ist die allgemeine Körperform 
des Menschen, insbeson- dere seine Längenproportionen und seine Massenverteilung 
aus den biomechanischen Notwen- digkeiten des Gehens vollständig erklärbar. 
Zur Verminderung der Massenträgheitsmomente des  menschlichen Beines 
in der Vorschwungphase des Gehens ist die Verlagerung möglichst großer  
Muskelmassen in die Nähe des Hüftgelenkes vorteilhaft. Diese Verlagerung 
setzt große Ur- sprungflächen für fleischige Muskelursprünge 
an der Außenfläche des Beckens voraus. Tatsäch- lich bietet das 
menschliche Becken, u.a. wegen des breiten Kreuzbeins, größere Ursprungsflä- 
chen für Muskeln als das Becken etwa gleich großer Menschenaffen.  
Die Lendenwirbelsäule des Menschen hat mit 5 Segmenten nicht die Kürze 
wie bei den Men- schenaffen. Das führt beim Vorbeugen des Rumpfes zu großen 
Biegemomenten. In Verbindung  mit der relativ schlanken Form des Rumpfes 
bedeutet das  hohe Kräfte in den Rückenmuskeln  und der Wirbelsäule. 
Die typisch menschliche Körperform erscheint deshalb unzweckmäßig.  
Tatsächlich ist sie aber nur nicht mit den Mitteln der Statik zu verstehen 
(Abb. 8), sondern es ist  eine kinetische Bedingung zu berücksichtigen: 
Beim Vorschwingen der Beine im Gehen und  beim Anhalten am Ende des Vorschwingens 
führen die erforderlichen und elektromyographisch  beobachteten (Stern, 
1988) Kontraktionen der Hüftbeuger und -Strecker zu Mitbewegungen des  
Rumpfes (Abb. 9). Diese sind nur dadurch auf geringe Amplituden zu begrenzen, 
daß der  Rumpf ein hohes Massenträgheitsmoment bekommt. Das bedeutet, 
daß er lang sein muß, denn  die Länge geht in der 2. Potenz 
in das Massenträgheitsmoment ein201,202,288.  Teilweise noch  unveröffentlichte 
Ergebnisse zeigen, daß auch rhythmische Torsionen des Rumpfes um seine  
Längsachse  stattfinden, die einen Schwingungsmechanismus zum Energiesparen 
unterhal- ten286. Diese Bewegungen werden ebenfalls durch eine gewisse Länge 
des Lendenabschnittes  und durch die Ausbildung einer Taille begünstigt.  
Die uns bekannten Vormenschen (Australopithecinen) besaßen ein Becken, das 
bereits die kur- zen Darmbeine und die große Außenfläche besaß, 
die für Menschen typisch sind. Die „Lordosie- rung“ des Iliumhalses und damit 
die Ausbildung der Incisura ischiadica war weniger deutlich  ausgeprägt 
als beim Menschen und auch die oben beschriebene Schwenkung in die Sagittalebe- 
ne war weniger weit fortgeschritten. In diesen Merkmalen nehmen diese Lebewesen 
eine Zwi- schenstellung zwischen den Menschenaffen und den Menschen ein. Das gilt 
ebenfalls für die  Rumpfform: eine lange (6 Segmente umfassende ) Lendenwirbelsäule 
mit deutlicher Lordose  war verbunden mit einem nach unten erweiterten, faßförmigen 
Thorax, der auf große Quer- durchmesser des Rumpfes schließen läßt. 
Damit war er für bipede Körperhaltung statisch gün- stig gebaut. 
Bipedie wird wegen des Fußbaues und des Valgus- Kniegelenkes allgemein ange- 
nommen und ist durch die Laetolil- Fußspuren direkt belegt. Dennoch kann 
man wegen der  überaus schweren, langen und massigen Arme, und wegen 
der kurzen, schwachen Beine mit  relativ langen Zehen nicht von der Fähigkeit 
zu ausdauerndem Gehen oder Rennen über lange  Strecken ausgehen, sondern 
muß sich eine ausgeprägte Tendenz zum Klettern auf Bäumen vor- 
stellen. Mit dieser Kombination aus zweifüßigem Gehen auf dem Boden 
und Klettern auf Bau- men    entsprechen die Australopithecinen 
keinem lebenden Wesen, auch wenn ihre Lebenswei- se insgesamt vielleicht nicht 
viel anders war als die der heutigen Schimpansen in relativ offenen  Baumsavannen.  
Der Mensch hat seit seinem Auftreten274 in der Form des H. erectus völlig 
neue Merkmale und  Fähigkeiten201,202,287,288 entwickelt, die ihn unter 
die ausdauerndsten Läufer unter den Säuge- tieren einreihen. Es ist 
sehr bemerkenswert, daß es in der kurzen Frist von weniger als  2 Millio- 
nen Jahren möglich war, eine derart spezifische Evolution zu durchlaufen.
 
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