Zur Evolution der Geburt. K. Wiltschke-Schrotta, Wien Die menschliche Geburt ist einzigartig unter den Säugetieren. Charakteristisch für uns Menschen ist neben der Größe und Reife des Fetus zum Zeitpunkt der Geburt, die verschiedenen Orientierungen des Fetus während des Geburtsvorganges, sowie die Art und Weise wie der Fetus aus dem Geburtskanal austritt. Die schwierige und langwierige Geburt ist mit einem wichtigen Sozialverhalten zwischen den Müttern und begleitenden Individuen geprägt. Der komplizierte Geburtsmechanismus ergibt sich aus einem Kompromiß zwischen den Bedürfnissen der aufrechten Haltung (tragende Beckenpfeiler, Ansatzstelle der großen Muskulatur, Kreuzbeinblock zur Lastenübertragung der Wirbelsäule) und dem Platzbedarf bei der Geburt. Hinsichtlich Morphologie und funktioneller Characteristica des Beckens sei auf Kap. 2 verwiesen. In der vorliegenden Arbeit wird zunächst der Mechanismus der menschlichen Geburt dargestellt und danach mit den heute lebenden Säugetieren verglichen. Eingehender sind die Vergleiche mit unseren nächsten Verwandten im Tierreich den übrigen Primaten. Als Abschluß wird die Evolution der Geburtsmechanismen anhand fossiler Becken unserer Vorfahren rekonstruiert. Mechanismus der Geburt bei den Säugetieren. Bei den Säugetieren ist das Becken anatomisch der Art der Fortbewegung der Fortpflanzungsweise und den Lebensumständen angepaßt. Die Beuteltiere z.B. haben Geburtsprobleme durch eine eigene Strategie der frühen Geburt umgangen. Der heranwachsende Fetus sitzt in einem dehnbaren Hautbeutel, diese Form der Anpassung ist hochspezifisch und sehr effizient111. Das Säugetierbecken Das Becken eines normalen Quadrupeden, so z.B. der Haustiere, besteht grundsätzlich aus einem flachen Knochenring mit einem Winkel von 40°- 50° zur Sakralachse. Das Iliosakralgelenk und auch die Pubissymphyse sind durch Bänder fest untereinander verbunden. Der Geburtskanal ist in der dorsoventralen Ausrichtung größer als in der seitlichen Ausdehnung. Am Beginn gibt es keinen knöchernen Boden und am Ausgang kein knöchernes Dach (außer dem knöchernen – aber beweglichen – Schwanz). Der Geburtskanal ist gerade. Bei den Haustieren erfolgt die Geburt des Fetus normalerweise mit der Schnauze und den Vorderbeinen voran; d.h. der Kopf ist dorsalflexiert und der Embryo muß sich vor der Geburt strecken250. Das Becken der nichtmenschlichen Primaten entspricht mehr oder weniger dem allgemeinen Säugetierbecken: Das flache Os sacrum und die am caudalen Ende gegenüber liegende Symphyse bilden einen fast geraden Zylinder. Der Winkel, den die Lumbalwirbel mit dem Os sacrum bilden vergrößert sich, wie auch die Krümmung des Os sacrum von den Affen zu den Menschenaffen zum modernen Menschen. Ein weiteres wichtiges morphologisches Detail ist die Lage des Beckenausganges. Bei den Primaten außer beim Menschen liegt der Beckenausgang hinter den Tubera ischiadica als geradlinige Fortsetzung des Geburtskanales. Beim Menschen ist der Ausgang nach ventral gerichtete, so daß sich der Fötus krümmen muß um diese Ventralbiegung zu passieren. Bei nicht allen Primaten ist der Geburtsvorgang einfach. So ist z.B. bei den kleine Kapuzineräffchen (Cebiden), der Kopf des Fötus annähernd so groß ist wie der Beckeneingang. Der Kopf muß, wie auch bei den Haustieren, dorsalflexiert werden um mit dem kleineren Gesichtsdurchmesser voran (kleiner ist als der Hirnschädeldurchmesser) in den Beckeneingang einzutreten220. Das Becken von Orang Utan, Schimpansen und Gorilla ist im Verhältnis zum Geburtsgewicht (1,5-2 kg) und den Hirnschädeldurchmessern der Neonaten recht groß, sodaß bei den Menschenaffen keine spezifische Lageveränderungen des Fetus für die Geburt notwendig sind. (Abb. 6) Der Fetus geht in saggitaler Kopfausrichtung durch den saggitalen Durchmesser des Beckenringes. In der Austrittsphase schaut das Gesicht nach ventral und das Muttertier hilft bei der Geburt durch Ziehen am Fetus oder Aufreißen des Fruchtsackes mit. Die Dauer des Geburtsvorganges kann auch als Maß für die Komplexität und auch für die damit verbundenen Gefahren gesehen werden. Der Geburtsvorgang beim Menschen dauert mit 8 Stunden bei Mehrgebärenden und mit über 14 Stunden bei Erstgebärenden am längsten184. Danach kommen die Makaken, deren Fetuskopf zur Größe des mütterlichen Beckens in einem ähnlichen Verhältnis steht, der Geburtsmechanismus ist jedoch verschieden. Das Verhalten während und nach der Geburt. Nicht menschliche Primaten ziehen sich zum Geburtsvorgang zurück. Nachtaktive Tiere gebären vorzugsweise am Tag und umgekehrt121, um unbemerkt und ungestört zu gebären. Die Muttertiere helfen bei der Geburt durch Anziehen am Fetus oder Eröffnen des Fruchtsackes mit. In allen menschlichen Kulturen sind Geburtshelferinnen oder zumindest anwesende Personen üblich, welche die Kreißende betreuen. Bei den Menschen ist der Geburtsvorgang ein soziales Verhalten das von W. und G. Schievenhöfel mit Ihren Forschungen bei den Eipo aus Neuguinea dokumentiert wurde. Die Mütter können bei Geburtskomplikationen nur schwer mithelfen, da das kindliche Gesicht nach dorsal gerichtet ist. Es ist einer Gebärenden kaum möglich, eine um den Hals gewickelte Nabelschnur selbst zu entwickeln oder das kindliche Gesicht noch während des Geburtsvorganges zu reinigen. Würde sie bei der Geburt durch Ziehen selbst mithelfen, ist die Gefahr viel zu groß, dem Kind bleibende Schäden durch die mechanische Verbiegung zuzufügen230. Die Geburt bei den Hominiden Da die Form des mütterlichen Beckens die Art der Geburt bestimmt, ist der Umkehrschluß – von der Beckenform ausgestorbener Arten auf deren Geburtsmechanismus zu schließen – durchaus zulässig252. Australopithecinen: Zwei relativ vollständige fossile Becken der ältesten uns bekannten aufrecht gehenden Vorfahren geben uns Hinweise auf den Geburtsvorgang vor 3-4 Millionen Jahren103,153,252. Das Becken des weibliche Australopithecus (A.L.288-1, Lucy) ist bereits an den aufrechten Gang angepaßt. Es ist extrem breit (platypelloid) in allen Ebenen, womit es sich sowohl von den Menschenaffen (alle Ebenen a-p verlängert), als auch von den Menschen unterscheidet (Beckeneingang transvers gestreckt, Mittelteil mit größerem anterior –posterior Durchmesser und Ausgang annähernd rund). Aus der Größe und Form kann auf einen Geburtsmechanismus geschlossen werden, bei dem sich der Fetus bereits an die verengte Beckenform anpassen muß252. Dieser ist gekennzeichnet durch den Kompromiß zwischen den massiven Umbauvorgängen des Beckens durch die permanente aufrechte Fortbewegung und die dadurch entstehenden Verengung des Geburtskanals. Ein Gehirnvolumen von 400- 500 cm3 bei ausgewachsenen Individuen entspricht dem der heute lebenden Menschenaffen. Aus diesem Grund dürften Geburtsschwierigkeiten, die speziell durch die Encephalisation entstanden sind, noch kaum eine Rolle gespielt haben221. Zusammenfassung: Die Untersuchungen an den uns verwandtschaftlich ähnlichen Primaten und den fossilen Zeugnissen lassen auf eine Mosaikevolution der komplexen Geburt des modernen Menschen schließen. Nicht alle Aspekte entwickelten sich zur gleichen Zeit, eine grobe Abfolge wird hier nochmals zusammengefaßt: Die Orientierung und Stellung des kindlichen Kopfes zum Beckeneingang entwickelte sich schon sehr früh, kurz nachdem das Becken an die aufrechte Fortbewegungsweise angepaßt war. Die Rotationen des Fetus während des Geburtsvorganges dürften sich dagegen erst später, mit Beginn der Encephalisation ausgebildet haben. Die Rotationen ergaben wahrscheinlich auch die occipit-anterioren Position des Kindes beim Geburtsaustritt. Dies machte die Einbeziehen von Geburtshelfern möglicherweise notwendig. Mit der Zunahme des Gehirnvolumens stieg auch Schwierigkeitsgrad des Geburtsvorganges an. Der vorhandene Geschlechtdimorphismus hat sich wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit der Encephalisation herausgebildet. Die Geburtshelfer wurden um so bedeutender, je komplizierter der Geburtsvorgang wurde. Auch die Geburt von immer unreiferen Feten bedingte eine intensivere und längere Betreuung durch die Eltern. Die Geburt beeinflußt daher auch nachhaltig die Entwicklung des sozialen Verhaltens in einer Gemeinschaft. zum Inhaltsverzeichnis go top
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