|
Das KiSS- Konzept als diagnostische
Hilfe H.Biedermann, Köln Zusammenfassung HWS
und Kau- Kieferapparat können lokale und allgemeine Beschwerden verursachen.
Dabei kommt es zu einer engen Interaktion zwischen diesen beiden Arealen. Sie
durchläuft verschiedene Phasen. Während in der frühen Entwicklung
der HWS- Einfluß dominiert wird im Lauf der Adoleszenz die Relevanz des
Kiefers und der Zähne immer wichtiger. Im Erwachsenenalter schließlich
dominiert das pathomorphologische Störungspotential der Kieferregion. Oft
ist es schwer, die Relevanz vertebragener Momente klar zu fassen. Das KiSS-
Konzept stellt hier ein diagnostisch- anamnestisches Konzept zur Verfügung,
um die ontogenetische Relevanz vertebragener Störungen auch im Erwachsenenalter
besser beurteilen zu können. So dürfte es leichter fallen, funktionelle
Irritationen aus der HWS frühzeitig zu erkennen, um so Fehlentwicklungen
auch im orofacialen Bereich vorzubeugen und die teilweise sehr komplexen Interaktionen
subtiler' therapeutischer Zusammenarbeit zwischen Manual- und Zahnmedizin
besser zu verstehen. Manuelle Medizin
als diagnostisches Konzept Nicht nur Laien haben
oft die Idee, dass sich Manualmedizin aufs Einrenken' beschränkt. Viel
wichtiger ist aber der analytische Ansatz, der der Rolle der funktionellen Pathologie
einen viel breiteren Raum gibt als die eher pathomorphologisch orientierten Mediziner.
Man kann Manualmedizin von zwei Seiten betrachten und kommt dabei zu ganz
unterschiedlicher Einschätzung. Von innen gesehen ist sie eine wunderbar
umfassende Variante der ärztlichen Tätigkeit, die es uns erlaubt, weit
voneinander entfernte Fachgebiete zu betreuen. Der Schwindel der HNO- Ärzte
gehört ebenso dazu wie die (Pseudo-)Stenocardie der Internisten. Von diesen
Fachgebieten aus gesehen andererseits wird Manualmedizin nicht selten als Hochstapler
gebrandmarkt, der keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhält.
In Deutschland ist die Manualmedizin viel mehr Teil der klassischen Medizin geworden,
als z.B. in England, wo sie immer noch mit dem Etikett alternative Medizin'
versehen wird, das Wissen um die klinische Relevanz funktioneller Störungen
ist aber damit noch lange nicht etabliert. Manualmedizin - wenn man in ihr mehr
sieht als eine zusätzliche Behandlungstechnik - beschäftigt sich mit
funktioneller Pathologie[18] und steht damit in gewissem Widerspruch zur eher
pathomorphologisch orientierten Medizin. Außerdem spielt die Pharmakotherapie
im manualmedizinischen Konzept nur eine eher untergeordnete Rolle im Gegensatz
zur inneren Medizin, wo sie zentral steht. Die aus der Analyse funktioneller Störungen
gewonnenen Erkenntnisse können aber auch für andere, auf den ersten
Blick davon weit entfernte Problemfelder befruchtend wirken. Eine auf der Auswertung
funktioneller Untersuchungen basierende manualmedizinische Fehleranalyse'
kann dann durchaus dazu führen, dass ein Gelenk manipulativ behandelt wird.
In anderen Fällen wird man eher zu einer therapeutischen Lokalanaesthesie
greifen, den Patienten zur Physiotherapie schicken oder gar eine Operation empfehlen
- oder ihn zum Zahnarzt schicken. Parallelen
und Interdependenzen zwischen Zahn- und Manualmedizin Durch
die räumliche Nähe zwischen Halswirbelsäule und Kau- Kieferapparat
gibt es viele wichtige Verbindungen dieser beiden Fachgebiete. Sie ergeben sich
aus der funktionellen Verknüpfung in den Bereichen Biomechanik [24] und Sensorik
und basieren nicht zuletzt auf der engen embryologischen Genese [12]. Darüber
hinaus ist aber auch eine strukturelle Ähnlichkeit auffallend, da man in
beiden Fachgebieten man zwei grundsätzliche Wirkmechanismen unterscheiden
kann: -> Bei robusten' Beschwerden ist die Verbindung zwischen Problem
des Patienten und der Krankheitsursache klar. Eine Fehlbelastung beim Heben führte
zu einem einschießenden Schmerz im Kreuz, der durch eine akute Blockierung
eines lumbalen Bewegungssegmentes verursacht wurde und durch dessen Manipulation
schnell und einfach beseitigt werden kann. Ähnliches ist das tägliche
Brot des Zahnarztes: ein lokaler Schmerz - Zahnschmerz' sui generis - weist
auf ein ebenso lokales Problem in Form einer kariösen Stelle an einem Zahn.
Diese wird versorgt und die Schmerzen sistieren. Case closed. Wir bezeichnen
dies als robuste Beschwerden, weil sie in jeder Hinsicht klar und offensichtlich
vor uns liegen. So sehr wir auch hier immer wieder Spezialsituationen und Ausnahmen
finden kann man doch relativ gut überschaubare Modelle bilden, zumal sich
das Ganze auf engem Raum abspielt. Ganz anders ist es bei den Situationen,
deren Behandlung wir als subtile' Manualmedizin bezeichnen [9]: Hier liegen
Ursache und Wirkung zeitlich und räumlich weit auseinander. Eine jahrelang
bestehende Kopfgelenkblockierung kann im Verband mit zutretenden weiteren Belastungen
zu Migränekopfschmerzen führen, eine angeborene Fehlstatik nach Jahrzehnten
zu Schwindel oder hartnäckigen Brachialgien beitragen oder eine schlummernde
BWS- Skoliose plötzlich' zu einer massiven Pseudo- Stenocardie führen.
In all diesen Fällen wirkt der vertebragene Faktor als Teil eines komplexen
klinischen Ganzen im Verband mit Störungsmodi aus anderen Bereichen. Oft
sind diese zutretenden Probleme aber unserem Einwirken entzogen, so dass wir gut
daran tun, die durch uns beeinflußbaren Modalitäten im Auge zu behalten. In
solch ein vielschichtiges Netz pathogenetischer Faktoren ist keine klare Gliederung
zu bringen; viel hängt ab von dem, was der Arzt als den klinischen
Blick' bezeichnen würde und was der Informatiker Mustererkennung' nennt.
Wenn man hierbei erfolgreich ist kann es gelingen, durch die Beseitigung eines
pathogenen Faktors das Gesamtbefinden des Patienten auf ein höheres Niveau
zu heben. Wenn es dann dem Betreffenden gelingt, sich auf diesem Level zu stabilisieren
hat man mit relativ geringem Aufwand eine Lebenssituation grundlegend gebessert.
Arzt und Patient erinnern sich lange daran. Solche - teilweise dramatischen
- Therapieerfolge gehören natürlich zu den Höhepunkten ärztlicher
Tätigkeit und sind nicht alltäglich. Sie zu erzielen erfordert Geduld,
viel klinische Erfahrung und auch das Quäntchen Glück, ohne das wir
ohnehin nie zum Ziel kommen können. Einen großen Nachteil hat diese
subtile' Manualmedizin: sie ist nicht katalogisierbar. Man kann den Blick
schärfen für gewisse Rahmenbedingungen und auf Wahrscheinlichkeiten
hinweisen, aber im Einzelfall stolpert man immer wieder über Ausnahmen. Deshalb
sperren sich diese Kasuistiken auch gegen statistische Aufarbeitung. Zu viele
Rahmenbedingungen müssten in die Analyse einfließen, von allen biographischen
Daten bis zu der fundamentalen Frage, wie die Kommunikation und das Vertrauensverhältnis
zwischen dem Kranken und seinem Arzt zustande kommen. Spätestens an diesem
Punkt versagt der Plan einer generellen statistischen Analyse. Wenn zwei Therapeuten
exakt die gleiche Behandlungstechnik anwenden kommt noch lange nicht dasselbe
für den geduldig Leidenden heraus (wir sollten diese wörtliche Übersetzung
von Patient' nie vergessen). Eine individuelle Erfolgsquote kann nicht ohne
weiteres in eine interpersonelle Reliabilität umgemünzt werden [4].
Auch in der Zahnmedizin besteht eine solche subtile' Ebene der Therapie.
Dafür sprechen die Erfahrungen mit Hunderten von Patienten, die wir im Lauf
der Jahre zu Zahnärzten überwiesen. Hier sind es zum Teil jahrelang
zurückliegende Sünden' wie extrahierte Zähne, wo in die so
entstandenen Lücken dann die Nachbarn hineinkippen und so eine ausreichende
Okklusion unmöglich machen oder 3. Molare, die aus Platzmangel schief stehend
ihre anterioren Partner irritieren - von massiveren Problemen wie chronischen
Wurzelspitzengranulomen etc. ganz zu schweigen. Oft verursachen diese Pathologien
kaum oder keine lokalen Beschwerden - sonst wären sie schon lange vorher
angegangen worden - und wirken genauso subtil' auf die gesamte Homoeostase
wie letztlich die hier ansetzende Therapie auch. Marginalien-
Kasten für den Rand: Alfred Adler hat schon
vor Jahren ein sehr spannend zu lesendes Buch über derartige Fälle veröffentlicht
[1]. Es ist natürlich "unordentlich" geschrieben - aber für
den Kliniker um so lehrreicher
Nun
wird man die eben angeführten Probleme im Zahnbereich in jedem Fall in Ordnung
bringen. Es gibt aber auch Situationen, wo z.B. nach ausgedehnter prothetischer
Sanierung eine Malokklusion entstanden ist, deren Beseitigung sehr aufwendig und
für den Patienten unangenehm ist, so dass eine möglichst gute Indikationsstellung
dringend vonnöten ist. Hier kann man mit einer gegebenen Zahnversorgung leben,
wenn sicher ist, dass sie nicht an dem den Patienten quälenden Beschwerdekomplex
beteiligt ist. Wer hier klare Entscheidungskriterien hat kann vermeiden, dass
der Patient unnötig (finanziell und körperlich) leidet und so letztlich
auch die Methode in Verruf kommt. Dazu sind überprüfbare Modelle - bei
all ihren unvermeidbaren Begrenztheiten - unabdingbar. Auch andere Körperregionen
können eine ähnliche Rolle spielen; man denke nur an chronische gynäkologische
Infektionen, vom Magen ausgehende Störungen oder Rückenprobleme auf
der Basis von renalen Dysfunktionen[17]. All diesen Erkrankungen ist gemeinsam,
dass ihr Effekt durch funktionelle Störungen des Bewegungsapparates vermittelt
wird. Durch manualtherapeutische Behandlung oder therapeutische Lokalanaesthesie
kann dies unterbrochen und so die Diagnose erhärtet werden. Wenn sich dem
aber nicht das Abarbeiten der ursächlichen Störung anschließt
ist solchen Behandlungen keine Dauer beschieden. Wie
überprüft man individuelle Behandlungserfolge? Die Menge der
Literatur, die sich mit physikalischer Therapie und mediko- mechanischen Verfahren
beschäftigt ist beeindruckend. Vieles orientiert sich an konkreten und fassbaren
Veränderungen der beteiligten Muskeln, Faszien und Gelenke. Es werden Verspannungen
oder Schmerzstellen beschrieben und diese mit klinischen Bildern gekoppelt. Bei
robusten Beschwerden ist dieser Ansatz auch durchaus akzeptabel. Der dabei
entstehende Mangel ist offensichtlich: man kann nur schwer aus diesen Einzelbeschreibungen
valide Konzepte für komplexere Situationen destillieren, die dann schematisiert
angewandt werden können. Diese Methoden der Evicenz- basierten Medizin (EBM)
[23, 25] sind also nur ganz eingeschränkt auf Verfahren anwendbar, bei denen
es um interpersonelle Kommunikation bei Diagnostik und Behandlung geht - und nichts
anderes ist die Manualmedizin. Auch muß die Frage gestellt werden, ob es
überhaupt erstrebenswert ist, Behandlungen sozusagen industriell fertigen
zu wollen, das heißt die individuelle, handwerkliche Dimension zu ignorieren.
Aber es ist gerade in der Diskussion mit anderen Fachrichtungen der Medizin
immer wieder ein Hemmschuh, wenn man keine harten' Daten für Indikationen
und Wirkmechanismus der Manualmedizin vorweisen kann. Wieder und wieder wurden
deshalb Versuche unternommen, die klassischen, robusten Indikationen der Manualmedizin
mit rigiden Prüfungsverfahren zu verifizieren[10]. Ein beliebtes Mittel ist,
einen Score zu bilden, um gewisse Beschwerdegruppen vergleichbar zu machen. Dieser
kann dann vor und nach einer Therapie ermittelt werden um so zumindest eine Aussagen
über einen Trend zu erlauben. Das Problem bei diesem Ansatz ist, dass die
biographischen Daten bei den meisten funktionellen Beschwerden der Wirbelsäule
eine so wichtige Rolle spielen, dass ihr Ausblenden die Datenlage so vereinfacht',
dass enorm große Untersuchungsgruppen notwendig werden - die praktisch nie
erreichbar sind. Die Fragestellung wird dann sauber überprüfbar - aber
das so erzielte Ergebnis ist klinisch irrelevant. Diesem Dilemma kann man
nun mit einem relativ einfachen Mittel aus dem Wege gehen: Man verlegt den Untersuchungszeitraum
so weit zurück, dass biographische Unwägbarkeiten praktisch keine Zeit
hatten, sich auszuwirken. Dies trifft auf Neugeborene und Kleinkinder zu, bei
denen sich die beeinflussenden Faktoren auf die Trias Genetik & familiäre
Disposition - intrauterine Entwicklung - Geburtsmodus reduzieren lassen. Dadurch
wird die Situation viel übersichtlicher. Kasten
für den Rand: Die vereinfachte Situation
bei der Behandlung von Kleinkindern; hier spielen nur drei Faktoren eine Rolle: Genetik
& familiäre Disposition intrauterine Entwicklung Geburtsmodus Ein
anderer Grund, sich bis in diese frühen Lebenstage vorzuwagen lag darin,
dass bei der Auswertung der Beschwerden Älterer immer deutlicher wurde, wie
sehr sich relativ kleine Probleme in dieser frühen und prägenden Phase
Jahre und Jahrzehnte später auswirken. Es existiert inzwischen eine ganze
Literatur zu diesem Thema, die die Relevanz epigenetischer Prägung in den
Monaten um die Geburt herum nachweist [22, 13]. Eine Mustererkennung hinsichtlich
derjenigen Kinder, die besonders sensibel auf funktionelle Störungen der
Wirbelsäule (und ihre Therapie) reagieren ist dann von Interesse, wenn
nachgewiesen werden kann, dass diese frühen funktionellen Störungen
später relevante Spätfolgen haben[7, 6]. Sowohl für methodologische
Abgrenzung als auch für die fachübergreifende Kommunikation hat sich
bei Kleinkindern das KiSS- Konzept bewährt, auch wenn es in der Fach- und
Laienpresse durchaus nicht immer unkritisch beurteilt wurde. Im Folgenden soll
es vorgestellt werden (vgl. www.manmed.de). Das
KiSS- Syndrom In der Anfangszeit der Manualmedizin
von Kleinkindern standen die schiefen Babies im Vordergrund. Hier war auch für
die eher internistisch orientierten Kinderärzte deutlich, dass es sich wohl
um eine primär orthopädische Problematik handelte und so war der Schritt
nahe liegend, hier den entsprechenden Spezialisten zuzuziehen. In der weitern
Kooperation kamen dann immer mehr Symptome hinzu, die ursprünglich nicht
im Vordergrund gestanden hatten. Daraus entwickelte sich dann ein Muster, das
wir anfangs als KiSS-Symptomatik zusammenfassten [5], und jetzt in zwei Typen
(KiSS I & II) kategorisieren würden [8]. Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörungen
- ein neuer Begriff. Reduzieren wir es für den Anfang auf das Substantiv:
Symmetriestörung, Abweichung von der Haltung in Mittelstellung. Alles, was
nach links oder rechts abweicht, ist ziemlich einfach als Schiefheit' zu
erkennen; auch massives Durchstrecken nach hinten gehört dazu. Diese Haltungsabweichungen
sind schon lange bekannt. In der orthopädischen Literatur wurde schon vor
Generationen darauf hingewiesen, ja die Orthopädie' (der Begriff stammt
vom Pariser Chirurgen N. Andry von 1728 [2]) ist ihrem Namen nach der "Erziehung
der Jugend zur geraden Haltung" verpflichtet. Dass Störungen der Haltungssymmetrie
viel weitergehende Folgen haben war schon damals bekannt.  Zoom | KiSS
I (fixierte Lateroflexion): Torticollis Gesichtsasymmetrie Schädelasymmetrie
C-Skoliose v. Hals & Rumpf Glutaealfalten- Asymmetrie Minderbeweglichkeit
der Extremitäten einer Seite Entwicklungsrückstand -"- |  Zoom | KiSS
II (fixierte Retroflexion): Überstreckte (Schlaf-)Haltung (asymmetrische)
Schädelabplattung Schulterhochstand Henkelstellung der Arme Stütz
nicht möglich / verzögert Fausten der Hände, auch beim Stütz
orofaciale Hypotonie Hypotonie der Abdominalmuskulatur Schluck/ Stillprobleme |
Das
Leitsymptom beider KiSS- Typen ist die fixierte Haltung, wohl aufgrund einer Schmerzvermeidung.
Die geburtstraumatische Irritation der oberen Halswirbelsäule führt
zu einer schmerzhaften Bewegungseinschränkung der Kopf/Hals- Übergangszone
[21] (vgl. auch [20] und je nach Lokalisation dieses Traumas eher zu einer fixierten
Seitneigung des Kopfes (Torticollis neonatorum, KiSS I) oder zu einer fixierten
Retroflexion (KiSS II), deren klinisches Bild verdeckter ist. *
Schiefheit: Bei fast allen Kindern, die wir sahen,
lag eine mehr oder weniger ausgeprägte Schiefheit vor. Das konnte nur einen
Teil des Körpers betreffen - zum Beispiel einen fixiert schräg gehaltenen
Kopf- oder sich über den gesamten Organismus erstrecken. Solche Bilder pflegt
man C-Skoliose zu nennen, weil die Babies wie ein C' daliegen. Diese Kinder
hatten eine Schokoladenseite. Sie benutzten eine Hand mehr als die andere, drehten
sich lieber über eine Seite, schliefen auf einer bestimmten Seite, und zwar
in typischer Kombination.
 Zoom | Ein
typisches Bild: Orofaciale Hypotonie, Gesichtsskoliose und gefausteter Stütz. Hier
stand die KiSS-I Symptomatik im Vordergrund, am Hinterkopf war keine nennenswerte
Asymmetrie. |
Ein Kind, das den Kopf
nach links geneigt hatte, hielt diesen auch fast immer nach rechts gedreht. War
es zu einer Asymmetrie des Schädels gekommen, so war in solchen Fällen
das linke Gesicht schwächer entwickelt, die rechte Wange stärker. Eine
Abplattung am Hinterkopf war meist rechts, auch ein kahler Fleck von einseitigem
Haarabrieb war dann rechts zu erwarten. Die Arme und Beine wurden meist an de
Innenseite des C weniger bewegt, aber diese Abhängigkeit war weniger stark
Auch die Hüftprobleme fanden sich eher innen im C, d.h. an der Konkavität
der Fehlhaltung. Das kann bis hinunter zu de Füßen gehen, wo man dann
einseitig Sichelfußstellung findet. *
Fixiertes Überstrecken: Hierzu kommt es, wenn
das Ausweichen nicht zur Seite erfolgt, sondern nach hinten. Diese Babies haben
praktisch eine C-Skoliose nach hinten; man spricht von einer opisthotonen Haltung.
Diese Kleinen sind oft auch daran zu erkennen, daß sie die meiste Abplattung
am Hinterkopf haben, da sie ihren Kopf mit Macht gegen die Unterlage drücken.
Hier ist es vor allem die Haltung selbst, die schon auf den ersten Blick an die
Diagnose denken läßt. Auch hier gilt, daß man nicht vor lauter
Wirbelsäule die anderen Ursachen vergessen sollte: es gibt z.B. Infektionen
des Hirns und der Hirnhäute, die ähnliche Haltungen verursachen. Fast
immer findet sich bei diesen Kindern eine orofaciale Hypotonie. Dies führt
kurzfristig zu Mundatmung und Polypenbildung, langfristig wohl zu Störungen
des Zahnstandes und sekundären Problemen in diesem Funktionsbereich. Diese
beiden Grundtypen, die wir als KISS I (fixierte Seitneigung) oder KISS II (Fixierung
in Überstreckung) klassifizieren, kommen selten in Reinform vor. Meist sind
sie mehr oder weniger kombiniert, wobei der Hauptakzent - Fixierung zur Seite
oder nach hinten - die hauptsächliche Klinik vorgibt. Die Details zu diesem
Muster sind in [8] beschreiben. Beim KiSS
I handelt es sich oft um die unkomplizierteren
Verläufe, bei den KiSS II-
Kindern spielen häufig auch noch andere Faktoren eine Rolle. Eine niedrige
Muskelspannung führt hier - unabhängig von der Funktion der Halswirbelsäule
- dazu, dass die motorische Entwicklung dieser Kinder etwas mühsamer ist.
Es ist zu vermuten, dass eine ganz strikte nosologische Trennung zwischen Wirbelsäule
und Zentralnervensystem ohnehin wenig sinnvoll ist. Diejenigen Säuglinge,
die in ihrer Entwicklung auffallen, müssen unter beiden Gesichtspunkten untersucht
werden. Wenn man dann die wirbelsäulenbedingten Dinge beseitigt hat wird
oft der Blick auf die Neurologie klarer und man kann eigentlich erst dann einigermaßen
sicher sagen, wie die Situation einzuschätzen ist. Einige weitere Symptome
sind hier stichwortartig zusammengefasst. Eine ausführliche Diskussion findet
sich in [8] * Reifungsprobleme der Hüftgelenke, oft einseitig * Fehlstellungen
der Füßchen bis hin zum Sichelfuß * Schlafstörungen,
Schreien im Schlaf * Haare-Raufen, hohe Tastempfindlichkeit des Nackens *
Kaltschweißige Hände und Füße Alle diese Schwierigkeiten
müssen nicht von KISS kommen, aber meist spielt die Wirbelsäule doch
eine wichtige Rolle und die HWS zu behandeln ist in aller Regel die einfachste
Methode; so einfach, daß sich oft der Versuch lohnt. Diese Beschwerden sind
- es sei hier nochmals betont - auch von vielen anderen Ursachen auslösbar.
Man sollte erst dann von einer wirbelsäulenbedingten Problematik ausgehen,
wenn andere wahrscheinliche Ursachen ausgeschlossen sind und/oder Symptome ausfindig
gemacht werden können, die auf eine Asymmetrieproblematik hindeuten oder
wo eine Testbehandlung deutliche Besserung brachte.Darauf hatte vor vielen Jahren
schon einer der Pioniere der Manualtherapie, der tschechische Neurologe Lewit[19],
hingewiesen. Aber man kann sich auch darauf nicht ganz verlassen. Wir kennen
Fälle, bei denen sich Beschwerden durch manuelle Therapie besserten, obwohl
z.B. ein Tumor dahintersteckte[15, 16]. Es ist fast nie so einfach, wie es auf
den ersten Blick zu sein scheint... Sabbern
und Schlucken: Viele "Sabberkinder" haben
das typische Halstuch um, mit dem die Eltern zu vermeiden versuchen, daß
das Hemdchen des Kindes x-mal am Tag gewechselt werden muß, weil es wieder
einmal naß ist. Der fehlende Mundschluß kann durch Probleme der Muskelsteuerung
in diesem Bereich - und damit auch im Hals-Nackenareal - verursacht und unterhalten
werden. Bei älteren Kleinkindern, die schon anfangen sich zu vertikalisieren,
gibt dann die Brustwirbelsäule entsprechend nach, um überhaupt ein Geradeausschauen
zu ermöglichen, was den dann entstehenden Scheuermann zu einer Spätfolge
von KiSS macht. Diese Kinder haben eine schlaffe Haltung, die ganz wesentlich
von der Problematik der oberen Halswirbelsäule bestimmt wird. Der Zusammenhang
mit Zahn- Orientierungsproblemen ist offensichtlich. Auf den Zusammenhang zwischen
Wirbelsäulen- Funktionsstörungen und Stillschwierigkeiten
wurden wir vor Jahren von Hebammen und Stillberaterinnen
aufmerksam gemacht. Ihnen war aufgefallen, dass Kinder, bei denen der Schiefhals
behandelt worden war, plötzlich besser an der Brust zurecht kamen. Aus dieser
Beobachtung hat sich im Lauf der Jahre eine intensive Zusammenarbeit in der Frühphase
der Säuglingsentwicklung ergeben. Stillprobleme sind neben Schreien die Hauptindikation
für ganz frühe Manualtherapie bei Neugeborenen. In der Regel empfehlen
wir, in den ersten Wochen den Kindern die Zeit zu lassen, in Ruhe auf die Welt
zu kommen. Buchmann wies schon vor Jahren darauf hin, dass ca. 1/3 aller Neugeborenen
Kopfgelenkblockierungen aufweisen, dies aber nach einigen Wochen bei einem Großteil
spontan verschwand[11]; vieles regelt sich von selber. Im Laufe der Zeit
wurde deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine zeitlich auf die Säuglingszeit
fixierbare Problematik handelt. Wir beobachteten bei der Behandlung von Schulkindern
immer wieder, dass gerade bei denjenigen, die letztlich am meisten von der Manualtherapie
der Halswirbelsäule profitierten, regelmäßig Hinweise auf eine
(meist damals unbehandelte) KiSS- Problematik im Säuglingsalter zu finden
waren [7]. Funktionsstörungen der Halswirbelsäule können also noch
weit später relevant bleiben. Diese zeitliche - vierte - Dimension erst
gibt dem rechtzeitigen Behandeln den Nachdruck. Sie zu erkennen hilft, anamnestische
Frühzeichen von KiSS als Hinweis auf eine weiter bestehende Disposition für
funktionell- vertebragene Störungen zu erinnern und so die Diagnostik bei
Älternen zu präzisieren. Asymmetrie
in Funktion und FormWer
Patienten aller Lebensalter behandelt wird über kurz oder lang eine sehr
interessante Beobachtung machen. Bei Erwachsenen sind wir gewohnt, die anatomischen
Gegebenheiten als Rahmen der zu erwartenden Funktionseinschränkungen zu analysieren.
Bei Säuglingen ist die Situation genau umgekehrt: hier bestimmt eine Fehlfunktion
die zu erwartende anatomische Entwicklung. Klassisches Beispiel ist die Schädelasymetrie
der Säuglinge. Sie lässt sich in drei Kategorien einteilen: 1.
Schädelnaht- Synostosen. Diese sind extrem
selten und in unserem Patientengut von über 2000 Säuglingen pro Jahr
1-2 mal vorkommend. 2. Primäre Schädelasymmetrien.
Sie sind nur unscharf abgrenzbar von den intra partum
erlittenen Konfigurationstraumen, bei denen es zu schnell und spontan reversiblen
Verformungen des Kopfes kommt. Echte Asymmetrien sind meist die Folge von Querlagen
oder früh im kleinen Becken der Schwangeren fixierten Köpfchen. Für
den Erfahrenen ist die Differentialdiagnose mit den Konfigurationstraumen meist
nicht schwer. 3. Sekundäre Schädelasymmetrien.
Bei weitem die häufigste Form. Die Neugeborenen waren
initial wenig oder gar nicht asymmetrisch und entwickelten in den ersten Wochen
nach der Geburt eine zunehmende Fixierung der Kopfhaltung, die dann eine Hinterkopfabplattung
(KiSS II) und/oder Gesichtsskoliose nach sich zieht.
 Zoom | Ein
typischer Fall einer linkskonvexen KiSS-II Symptomatik. Dieses Kind hat einen
links occipital abgeplatteten Hinterkopf. Nach der Behandlung im Alter von
6 Monaten dauert es ungefähr 1 1/2 - 2 Jahre, bis sich diese Deformierung
im Rahmen des Größenwachstums des Kopfes wieder ausgeglichen hat.
|
Die
frühkindliche Schädelasymmetrie wird also durch eine Funktionsasymmetrie
induziert. Wird diese früh genug beseitigt kann man praktisch garantieren,
dass sich der Schädel re-symmetrisiert. Dies dauert Monate und Jahre und
man muß den Eltern dies vermitteln, um sie und die Kinder vor unnötigen
und kostspieligen Therapien zu bewahren. Die zur Zeit propagierten Helmorthesen
gehören hierzu. Wären sie nur sinnlos und teuer könnte man das
Ganze ignorieren. Wir haben aber in den letzten Monaten mehr und mehr Kinder gesehen,
die mit diesen Geräten behandelt worden waren und bei denen noch viele Monate
später Irritationen im Hals- Nackenbereich deutlich waren (vgl. ). In
der Zeit nach der Vertikalisierung, d.h. nach dem ersten Geburtstag, findet nun
ein Umschwung statt: War es vorher die Funktion, die die Form induzierte so kommt
es zunehmend zu einer Interdependenz beider Ebenen, da die bis dahin erworbene
Form ihrerseits die Funktion mit prägt. Im Erwachsenenalter schließlich
ist die Balance ganz zur Form hin verschoben, die nun die Funktion dominiert. Wir
sehen zum Beispiel bei unseren 2-3jährigen Patienten mit leichtem Strabismus,
dass man in dieser Zeit noch gute Chancen hat, von der HWS her die Symptomatik
zu beeinflussen, wenn die Anamnese in Richtung HWS- Funktionsstörung zeigt.
Bei Kreuzbiß und ähnlichen Asymmetrien liegt das Zeitfenster etwas
später. Hier kann man bis ungefähr zum Schuleintritt damit rechnen,
das klinische Bild deutlich bessern zu können, vor allem wenn statischer
Ausgleich und HWS- Behandlung Hand in Hand gehen. Später ist bei beiden
Problembereichen eine Fixation der Fehlfunktion eingetreten. Dann kann die erfolgreiche
Behandlung der HWS- Störung die lokale Therapie unterstützen, aber nicht
ersetzen. Auch im Sprachmotorischen findet sich ein vergleichbares Zeitfenster.
Vor der Einschulung (dies ist nur ein ganz grober Näherungswert) kann man
wesentlich mehr Effekt erwarten als danach. In jedem Fall wird man auch hier die
Unterstützung und Erfolgskontrolle durch die entsprechenden Spezialisten
nicht missen wollen. Interaktion
zwischen HWS und Orofacialregion Eine ähnliche
Verschiebung der Abhängigkeiten findet sich in der Interaktion zwischen HWS
und Orofacialbereich. Die orofaciale Region teilt sich mit der Halswirbelsäule
das Schicksal, aufgrund ihrer vielseitigen Störungsmöglichkeiten wahlweise
Hauptschuldiger zu sein oder ganz im Abseits zu stehen. Für beide Regionen
gilt, dass es etliche - z.B. radiologische - Indizien gibt, die sie verdächtig
erscheinen lassen und dass der Einzelne trotzdem relativ beschwerdefrei leben
kann. Eine massive Osteochondrose der mittleren Halswirbelsäule ist ab dem
reiferen Alter fast die Norm. Bei weitem nicht jeder, dessen Röntgenbild
eindrucksvoll ist, hat deshalb auch Beschwerden. Bei den Zahnbefunden ist
es ähnlich. Wer bewusst danach schaut wird immer wieder schlimme Situationen
vorfinden - und doch keinen Anhalt für einen direkten Konnex zwischen diesen
harten Fakten und der akuten klinischen Situation. In diesen Fällen kann
es dann schnell dazu kommen, dass man im Übereifer z.T. langwierige und eingreifende
Behandlungen empfiehlt - und damit schlussendlich nicht viel erreicht. Es ist
deshalb sehr wichtig, sich an einigen Eckpunkten zu orientieren, um den Patienten
unnötige Umwege zu ersparen und mit seinem Konzept so glaubwürdig zu
bleiben. Weder an der Wirbelsäule noch im Zahnbereich kann deshalb ein isolierter
Befund ausreichen, eine aufwendige Behandlung zu rechtfertigen. Die Relevanz der
pathogenetischen Aktualitätsdiagnostik' (Gutmann[14] muß für
alle Beteiligten nachvollziehbar sein. Gerade bei der Vielschichtigkeit der
Interaktion zwischen den beiden Hauptschauplätzen Hals und Kiefer einerseits
und deren Fernwirkungen andererseits muss aber zugegeben werden, dass hier nur
weiche' Kriterien zur Verfügung stehen.  Zoom | Wir
achten bei unseren Röntgenbildern der HWS darauf, dass der Kiefer auf der
seitlichen Aufnahme nicht ausgeblendet wird. Durch die Überlagerung der beiden
Zahnreihen erhält man nicht die Detailgenauigkeit einer OPG, aber schon auf
diesen Bildern sieht man so manches. Last not least ist allein schon durch die
Tatsache, dass die Zähne mit abgebildet sind, der Blick für diesen Funktionsbereich
geschärft
|
Aus Jahren erfolgreicher
Betreuung multimorbider Patienten schälten sich aber einige Anhaltspunkte
heraus, wann der Zahn- Kieferbereich im Vordergrund steht:
Patienten mit vor allem dentogenem Klagemuster berichten
meist, dass ihre Schwierigkeiten in relativ langen Phasen auftreten. Die Klagen
sind wochenweise stärker und "ich habe auch mal ein paar gute Tage,
ja Wochen dazwischen" - so ein typisches Zitat. Ganz klassisch ist das
morgens
als Hinweis uf den Bruxismus als (Teil-)Ursache. Die Patienten wachen mit den
Schmerzen oder durch sie geweckt auf. Sie vermeiden es, am Wochenende länger
zu schlafen, selbst wenn sie könnten, weil "ich dann wie gerädert
wach werde und mein ganzer Nacken hart ist"
Es gibt einen ganz typischen Griff des CMD- Patienten,
der sich mit der Hand über die Schulter greift und meist rechts auf den Oberrand
der Scapula weist: "Hier geht das Ganze los". Wahlweise wird dann das
Schultergelenk selber umfasst oder auf die Occipitalschuppe gezeigt. Dabei kann
in der Regel kein präziser Punkt angegeben werden, sondern eher ein Schmerzareal. Unserer Erfahrung nach ist die Fehlstatik
eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass sich lokale Probleme im
Kau- Kieferbereich darüber hinaus auswirken. Bei einer - zugegebenermassen
unwissenschaftlichen' Zusammenstellung unserer CMD- Patienten (243 Fälle
in 2006) fand sich in über 80% der Fälle eine relevante Fehlstatik,
d.h. eine Beinlängendifferenz oder eine Sacrumasymmetrie von über 1cm
bezogen auf die Unterstützungslinie. In praktisch allen Fällen kann
man bei diesen Patienten eine deutliche insertionstendinotische Verspannung der
submandibulären Muskeln finden, die sich sowohl retroclaviculär als
auch hinter dem Mandibularbogen nachweisen lassen und fast immer links deutlicher
als rechts palpierbar sind. Ohne einen derartigen Palpationsbefund wäre ich
im Einzelfall sehr zurückhaltend mit der Diagnose temporo-mandibuläre
Dysfunktion'.
Bei diesen Patienten führen wir eine postisometrische
Relaxation der Kaumuskulatur durch und mobilisieren/manipulieren anschließend
das Kiefergelenk. Wenn sich - nicht selten nach einer Reaktionsphase von einigen
Tagen - dann eine deutliche Besserung des Befundes einstellt ist die Diagnose
als gesichert anzusehen. Unserer Erfahrung nach hält diese Besserung 4-7
Wochen an, wenn nicht in der Zwischenzeit andere Maßnahmen ergriffen wurden,
die an der Ursache des Problems ansetzen. Bei Patienten, bei
denen eine grundlegende Therapie der Basisproblematik nicht möglich oder
zur Überbrückung bis zum Abschluß der Zahnbehandlung setzen wir
seit Jahren den Aqualizer ein. Gerade Patienten, die aufgrund fehlender finanzieller
Mittel oder wegen fast phobischer Abneigung vor dem Zahnarzt keiner kausalen Therapie
zuführbar sind, kommen damit oft ausgezeichnet zurecht. Hier kann dies simple
Mittel zu einer massiven Verbesserung der Lebensqualität führen, ohne
natürlich an der Basis der Störungen anzusetzen. [[Als
Rand- Marginalie:]] Weiterführende Literatur:
Eben erschienen ist die dritte Auflage der "KiSS-Kinder" (Thieme,
2007). Hier wird auf 140 Seiten ein Überblick zum Thema für Nicht- Spezialisten
gegeben. "Manualtherapie bei Kindern" (Enke, 1999) und vor allem
Manuelle Therapie bei Kindern" (Urban & Fischer/Elsevier, 2004) sind
Monographien zum Thema für Fachleute Epilog
In einer spezialisierten Praxis ist es immer
sehr schwierig, aus der eigenen täglichen Erfahrung heraus allgemeingültige
Erkenntnisse zu destillieren. Wie viel dessen, was man da sieht ist schon so vorsortiert,
dass die eigene Wahrnehmung völlig schief wird? Die Tendenz, sich und das
eigene Fachgebiet in seiner Wirkung zu überschätzen ist wohl fast jedem
geläufig. Für denjenigen, der sich mit der vielschichtigen Wirkung
funktionell vertebragener Beschwerden täglich beschäftigt ist hier die
Zahnmedizin und Kieferorthopädie ein unverzichtbarer Partner. In der frühen
Jugend kann durch Beheben von Funktionsstörungen der Halswirbelsäule
eine symmetrische Basis der Zahn- und Kieferentwicklung gelegt werden, die dort
viel Arbeit erspart. Im Erwachsenenalter wiederum wird uns der Zahnarzt und Kieferorthopäde
durch Beseitigung dentaler Störungen erst die Basis legen, um dann die sekundären
Pathologien im Bereich der Wirbelsäule angehen zu können (vgl.z.B. [3,
26]). Man muß das kleine 1x1 seines Fachgebiets beherrschen - hier die
Manipulation einer lumbalen Verspannung, da das fachgerechte Versorgen eines kariösen
Zahns. Spannend wird die Medizin aber da, wo wir über unseren Tellerrand
hinaussehen und uns so in der unendlichen Komplexität individueller Krankengeschichten
zurechtfinden müssen. Ohne den Mut zu suchen - und die Bereitschaft, zu irren
und dies auch zuzugeben - muß man hieran gar nicht beginnen. Wir sind
auf die zwei Gesichter der manuellen Medizin eingegangen: Zum einen die relativ
klaren und direkten Probleme, wie z.B. akute Lumbago oder eine thorakale Blockierung
mit Interkostalschmerzen. Hier liegen Ursache und Wirkung nahe beieinander und
der Effekt einer Behandlung kann gut evaluiert werden. Das klinische Bild ist
vorhersagbar. Zum anderen die indirekt und komplex wirkenden vertebragenen Störungen
und ihr Zusammenhang mit dentogenen Problemen. Diese kaum klassifizierbaren Fälle
sind oft nur in fachübergreifender Zusammenarbeit lösbar. Es gibt Anhaltspunkte,
wie zu verfahren ist, und gerade zwischen Zahnarzt und Manualmediziner ist eine
gute zeitliche Abstimmung essentiell, um effektiv und gründlich arbeiten
zu können. Wenn dieser Artikel hierfür einen Beitrag liefern konnte
hätte sich die Arbeit des Schreibens gelohnt
Literatur 1.
Adler, E., Störfeld und Herd im Trigeminusbereich. 1973: Verlag f. Medizin
Dr. E. Fischer ,. 2. Andry de Boisregard, N., L'orthopédie ou l'art
de prévenir et de corriger dans les enfants les difformités du corps.
1741, Paris: Vv Alix. 3. Bahnemann, F., Anthropologische Grundlagen einer Ganzheitsmedizin.
1992, Heidelberg: Karl-F. Haug Verlag. 4. Biedermann, H., KiDD: KiSS- induzierte
Dysgnosie und Dyspraxis, in Manuelle Therapie bei Kindern, H. Biedermann, Editor.
2006, Urban & Fischer / Elsevier: München. p. 269- 276. 5. Biedermann,
H., Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörungen bei Kleinkindern. Kinderarzt,
1991. 22: p. 1475 - 1482. 6. Biedermann, H., Manual Medicine of Functional
Disorders in Children. Med Veritas, 2006. 3: p. 803-814. 7. Biedermann, H.,
Manualmedizin als synoptisches und minimalistisches Kopzept, in Manualtherapie
bei Kindern, H. Biedermann, Editor. 1999, Enke: Stuttgart. p. 1-18. 8. Biedermann,
H., ed. Manuelle Therapie bei Kindern. 2006, Elsevier Deutschland (Urban &
Fischer): München. 280. 9. Biedermann, H. and M. Hyland, Komplexitätstheorie
und Manualmedizin:Erklärungmodell manualmedizinischer Behandlungseffekte.
Manuelle Medizin, 2004. 42: p. 355-360. 10. Borusiak, P., S. Wirth, and H.
Biedermann, Ankündigung einer Studie zur Wertigkeit der Manualtherapie bei
chronischen Kopfschmerzen im Kindesalter. Manuelle Medizin, 2003. 41: p. 329 -
330. 11. Buchmann, J. and B. Bülow, Asymmetrische frühkindliche Kopfgelenksbeweglichkeit.
1989, Berlin: Springer. 12. Christ, B., Anatomische Besonderheiten des Halses.
Manuelle Medizin, 1993. 31: p. 67 - 68. 13. Ferrie, J.E., et al., Birth weight,
components of height and coronary heart disease: evidence from the Whitehall II
study. Int J Epidemiol, 2006. 14. Gutmann, G., Die pathogenetische Aktualitätsdiagnostik.
Rehabilitacia, 1975. 10: p. 15 - 24. 15. Gutmann, G., Hirntumor Atlasverschiebung
und Liquordynamik. Man Med, 1987. 25: p. 60 - 63. 16. Koch, L., Differentialdiagnostische
Probleme bei KiSS-Syndrom, in Manualtherapie bei Kindern, H.Biedermann, Editor.
1999, Enke: Stuttgart. p. 43 - 52. 17. Kunert, W., Wirbelsäule und Innere
Medizin. 1963, Stuttgart: F. Enke. 281. 18. Lewit, K., The functional Approach.
J orth Med, 1994. 16: p. 73 - 74. 19. Lewit, K., J. Sachse, and V. Janda, Manuelle
Medizin. 1992, Leipzig / Heidelberg: J.A. Barth. 20. Maggi, B. and D. Ritzmann,
Manualtherapie unter der Geburt. 2007 (im Druck), München: Elsevier. 21.
Ritzmann, D., Geburtshilfliche Eingriffe an der oberen Halswirbelsäule, in
Manuelle Therapie bei Kindern, H. Biedermann, Editor. 2006, Elsevier Deutschland
/ Urban & Fischer: München. p. 67 - 76. 22. Roseboom, T.J., et al.,
De samenhang tussen prenatale blootstelling aan de Hongerwinter en medische bevindingen
op lange termijn. Ned Tijdschr Geneeskd, 2000. 144(52): p. 2488-91. 23. Sackett,
D., et al., Evidence- based Medicine. 1997, New York: Elsevier Science. 261. 24.
Schöttl, R., Die kraniomandibuläre Othopädie in der Schmerztherapie.
Schmerztherapie, 2005. 21(4): p. 8-9. 25. Tonelli, M.R., The philosophical
limits of evidence-based medicine. Acad Med, 1998. 73(12): p. 1234-40. 26.
Treuenfels, H.v., Der Bionator als orthopädischer Vermittler zwischen Gebiß
und Wirbelsäule, in Manualtherapie bei Kindern, H. Biedermann, Editor. 1999,
Enke: Stuttgart. p. 133-152. |