Manualmedizin |
Behandlungskonzept bei ADS
Einige
kritische Anmerkungen zum medikamentösen
Behandlungskonzept
bei ADS Dr. Editha Halfmann
Meine Damen und Herren! Ich
möchte mich kurz vorstellen: Ich bin Erzieherin mit heilpädagogischer
Zusatzausbildung und ich bin Kinderärztin und seit 1990 niedergelassen in
Hamburg. Entsprechend meiner Vorbildung - ich arbeitete einige Jahre bei der Lebenshilfe
für das behinderte Kind, in der freiwilligen und angeordneten Erziehungshilfe
und im Werner-Otto-Institut als Ärztin, betreue ich viele Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten
und der Kopfgelenkinduzierten Symmetriestörung und den Folgepathologien,
im weiteren kurz mit der gebräuchlichen Abkürzung KiSS benannt. Sie
bemerken richtig, dass ich nicht von dem Krankheitsbild ADS, sondern von dem Erscheinungsbild
ADS sprechen möchte. Dass
ich mich überhaupt dazu berufen fühle, erkläre ich mit meiner jahrelangen
Berufserfahrung. Initialzündung war aber, dass ich im letzten Jahr an einer
grundsätzlich informativen Fortbildungsveranstaltung über ADS teilnahm.
Doch als das Schlußwort lautete: Zitat "Wir müssen uns daran gewöhnen,
auch schon 13 Monate alte Kinder mit RITALIN zu behandeln," kamen mir arge Zweifel
und der Entschluß, diese These nicht kritiklos hinzunehmen. Dieses
vorgestellte Kind, das Anlaß zu o.g. Äußerung der Kollegin gab,
hatte bei näherer Befragung und auch deutlich auf alten Videos erkennbar,
eindeutige Zeichen eines KiSS-Syndroms, wie Kopfschiefhaltung, Bewegung en bloc
des Oberkörpers und hochstimmiges Greinen. Die Familie wurde während
des Symposiums, also 2 1ž2 Jahre nach Aufnahme des Videos vorgestellt; so
konnte ich sie zu Geburt und Säuglingszeit befragen. Diese verliefen entsprechend
auffällig: Übertragung, verzögerte Geburt, Beendigung durch Vakuum,
Schreibaby. Das dargebotene
Video zeigte eine Mutter, die auf Grund eines zweiten Babys hoffnungslos mit der
Bedürfnisbefriedigung ihres Erstgeborenen überfordert war. Sie
herrschte das Kind an, das weinerlich herumgreinte, gab ihm unwirsch die Flasche,
nach der er nicht wirklich verlangt hatte. Sie selbst sah vernachlässigt
und völlig kaputt aus. Das
Fazit der Vorstellung: alles habe sich verändert in der Familie, seitdem
das älteste Kind RITALIN nehme: Licht an! Familie auf der Bühne glücklich
lächelnd mit 2 entzückenden Kindern an der Hand. Mit einem dritten war
die Mutter schwanger. Die Eltern würden auch demnächst mit RITALIN behandelt
werden, denn sie gehörten zu den Erwachsenen, die ihre unbehandelte ADS mit
ins Erwachsenenalter nahmen. Familien und Verhaltenstherapie würde nicht
helfen, denn Eltern von ADS-Kindern haben kein (hören Sie genau hin!) genetisches
Programm für die Erziehung ihrer Kinder (kleine Anmerkung: Erziehung ist
nicht genetisch verankert, sondern wird größtenteils tradiert weitergegeben).
Meine Aufforderung gegenüber
den Veranstaltern, sich doch bitte um die Bedeutung der hochzervikalen Region
zu kümmern und etwaige Blockaden dieser Region vor Behandlung mit RITALIN
manualtherapeutisch zu lösen, denn auch wir sähen in unserer Arbeit
und Forschung beim KiSS Syndrom beinahe identische Verläufe und Verhaltensweisen,
stieß auf Verwirrung , aber letztendlich wohl doch Interesse bei dem Psychologen
Jansen, der als Veranstalter und Referent fungierte. In
der letzten Woche, auch während eines Vortrages, bestätigte er mir,
dass er nun eine Gruppe von Kindern in seinem Klientel, er ist Verhaltenstherapeut
und arbeitet mit der videogestützten Verhaltensanalyse, entdeckt habe, die
Körperblockaden aufwiesen. Diese
Gruppe von Kinder mit Körperblockaden Zitat: sei nicht "therapierbar und
nicht zu belobigen". Diese Kinder wiesen bei näherer Untersuchung Körperblockaden
auf, die nur durch den Manualtherapeuten zu beheben seien. Meine
Damen und Herren, warum erzähle ich Ihnen dies alles? Ich
will mir nicht anmaßen, den Kapazitäten dieser Welt, die sich momentan
über ADS mit und ohne Hyperaktivität und über die Unausweichlichkeit
der Therapie mit RITALIN streiten, die Stirn zu bieten und zu behaupten, die Ursache
allen Übels sei KiSS oder Allergien oder Vergiftung durch Amalgam und freie
Radikale. Obwohl diese Ansätze nicht abwegig sind. Sogar
die Fachverbände für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
in Deutschland betonen in ihrer Stellungnahme zur Behandlung hyperkinetischer
Störungen, die oligo antigene Diät gleichberechtigt neben Verhaltenstherapie
und Pharmakotherapie einzusetzen. Aber,
um einer unkritischen Übernahme der Ritalin-Therapie zur Behandlung aller
hyperkinetischen und Impulssteuerungsauffälligkeiten des Kindesalters zu
trotzen, müssen kritische Bemerkungen und Fragen erlaubt sein. Wenn man die
Literatur sichtet, scheint einhellig die Meinung zu bestehen, dass ADS mit Ritalin
zu behandeln sei. Doch die Angaben über das Auftreten von ADS schwanken zwischen
3 und 10%. Die eine Seite sagt, es werden zu wenig Kinder und Erwachsene behandelt
und es werde zu niedrig dosiert, die anderen mahnen zu vorsichtigem Verhalten
bezüglich der Menge des Ritalins. Alle
sind sich einig, dass man an Wochenenden und in den Ferien nicht mehr unterbrechen
sollte. Als Indikation sehen die einen, die bessere soziale und intellektuelle
Kompetenz, die es auszuprägen gelte, und damit der erfolgreichere Schulbesuch,
die anderen sagen, "nicht die Probleme, die andere (Lehrer, Eltern, usw.) mit
dem Patienten haben, bedürfen der Behandlung, sondern das Leiden, das den
Patienten selbst betrifft. Und das sind vor allem die mit der Erkrankung verbundenen
Defizite im sozialen und zwischenmenschlichen Bereich. Schulisches Lernen ist
hier ganz untergeordnet." (Päd.Prax. 57 S.191) 13 Monate altes Kind!!
Gern wird Ärzten auf
Fortbildungsveranstaltungen empfohlen, bei Therapie unwilligen Eltern das RITALIN
bei ADS mit gleichem Nachdruck vorzustellen wie das Insulin bei der Diabetesbehandlung.
Interessanterweise kommt hier nicht der Druck von der Industrie. Die RITALIN produzierende
Firma hält sich sehr zurück. Sie bewirbt das Medikament nicht.
Doch weiter zu den Grundlagen:
An Untersuchungen werden viele Tests empfohlen, die körperliche, neurologische
und psychologische Komplettuntersuchung wird gefordert, die in den einzelnen Praxen
mehr oder weniger sorgfältig durchgeführt werden. Und dann kommt das
blitzschnelle ärztliche Handeln. Zu deutsch: der Kinderarzt entscheidet,
ob seine Befunde hundertprozentig dem ADS zuzuordnen sind und damit die Therapie
mit RITALIN rechtfertigen. Ein Kollege ist mir besonders erinnerlich, er kommt
immer mal wieder zu relativ "weichen" Indizien für die Diagnose ADS, und
gibt das Medikament Amphetamin gerne "probatorisch". Da
kommt dann das große Erstaunen: Plötzlich - sozusagen nach einer Wochenend-
Fortbildung - mutieren unsere kinderärztlichen Kollegen, die noch kurz vorher
bei offensichtlichen Entwicklungsverzögerungen und Teilleistungsstörungen
sagten: "Das wächst sich zurecht" zu Experten in Beurteilung dieses hochspezifischen
Kapitels. Eine Mutter berichtet über ihre Verwirrung, dass ihr Kind bis vor
kurzem von ihrem Kinderarzt als lebhaftes Kind eingestuft wurde, ihr Ergotherapie,
Krankengymnastik oder gar Frühförderung für das Kind verwehrt wurden,
selbiger rät jetzt zur Ritalin-Therapie, ohne weitere Untersuchung nur mit
dem Hinweis auf seine Wochenendfortbildung, auf der ihm klar geworden sei, dass
das Kind "dazugehöre". Meine
Damen und Herren: Da ist nun wirklich Ihr kritischer, verantwortungsbewußter
Verstand oder auch nur ein mulmiges Gefühl gefordert, bevor einer Ihrer Schützlinge
diese Richtung gehen muß. Ritalin
ist kein Spaßmedikament mit den angeblich nicht vorhandenen Nebenwirkungen.
Es gibt sie doch die Nebenwirkungen - und das wissen alle. Die Warnungen der Amerikaner
sollte man nicht in den Wind schlagen, denn sie haben längere und umfangreichere
Erfahrungen als wir mit diesem Medikament. Und proportional zu der Zunahme der
Behandlungsfälle wird auch die Nebenwirkungsrate steigen, die da reichen
von Appetitlosigkeit und Abmagerung, bis hin zu Halluzinationen, Tics, Schlafstörungen,
und nun sind auch bereits die ersten Todesfälle in Amerika im Zusammenhang
mit langjähriger Ritalin-Gabe beschrieben worden. Prompt kommt die Retourkutsche:
Ja in Amerika, doch nicht bei uns. Schauen sie bitte nur einmal ins Internet,
was die "Hypies" so alles über den Umgang mit Ritalin erzählen und empfehlen.
Und wer will das noch kontrollieren. Bevor
ein ADS mit Sicherheit vorliegt, bedarf es klarer Diagnoseschritte.
Denn noch gibt es keine Möglichkeit
die postulierte Neurotransmitterstörung zu beweisen und man ist auf Beobachtungen
angewiesen, die natürlich sehr störanfällig sind. Dieser Umstand,
dass man einen genetischen Platz ausgemacht hat, hilft da auch nicht weiter, bringt
nur so abstruse Fragen hervor, wie, ob man dann nicht pränatal gegen das
Auftreten von ADS vorgehen könne. Was ganz brutal bedeutet, dass einige von
uns dann nicht hier wären, meine Damen und Herren! Das
Erscheinungsbild ADS ist sehr heterogen in seiner Entstehung, viele unglückliche
Umstände können ein Kind aufmerksamkeitsgestört erscheinen lassen.
ADS als Erscheinungsbild und die schnelle Therapie mit RITALIN oder AMPHETAMINEN
sind ein Zeichen unserer Zeit. Viele
Kinder werden nicht artgerecht gehalten, wie man in der Tierwelt sagen würde.
Sie werden schon vorgeburtlich mit Wünschen und Träumen belegt, es geht
nicht mehr darum, in eine wohlgewählte Geborgenheit Kinder - so wie sie kommen
- aufzunehmen, sondern es geht um die Rechte der Eltern, sich ein Kind anzuschaffen.
· Da gibt es Kinder, die die Beziehung kitten müssen, ·
da wird an Kindern gezerrt, wenn die Partnerschaft nicht funktioniert, ·
da wird das Kind als Druckmittel benutzt, wenn die Eltern sich trennen.
Aber auch in den nach außen
hin wohlgestalteten Familien und ihren Wünschen haben die Kinder ihre Aufgaben.
Zu was müssen diese kleinen Wesen alles herhalten!? Viele Empfehlungen bei
der Wahl einer weiterführenden Schule von den Lehrern ausgesprochen, werden
ignoriert und das Kind muß aufs Gymnasium. Selten geht es um das Kind als
Subjekt, meistens ist es Objekt, nur bei dieser Schulwahl wird dann gern entschuldigend
gesagt, das Kind wolle es so. Ich höre es in meiner täglichen Arbeit,
habe aber auch als Mutter von vier Kindern aus quälenden Elternabenden, den
gefürchteten Mütter- Gesprächen an der Käsetheke bei MINIMAL
etc. viele Beispiele dazu vor Augen. Doch
auch die heutigen Möglichkeiten zur motorischen Entwicklung unserer Kinder
entsprechen keinesfalls den Bedürfnissen und Notwendigkeiten: Da werden Neugeborene
und Säuglinge stundenlang auf staatliche Anordnung in einer abartigen Position
gehalten: Sie hocken während der Autofahrten ihrer mobilen Eltern in einer
halb sitzenden, beengten Haltung, die sie auf Grund ihres Alters eigentlich noch
nicht einnehmen könnten in den gesetzlich vorgeschriebenen Kindersitzen..
Die visuelle Wahrnehmung ist durch die sitzende Position verändert, das Kind
sieht Dinge, die es nicht sehen könnte, wenn man es in seiner flachen Lagerung
beließe. Es erhält durch die Enge der Sitzschale keine Informationen
über seinen Körper und dessen Stellung im Raum, es kann sich nicht drehen
und wenden. Aber für die Integration der Sinne des Menschen ist es unerläßlich,
dass er die Schritte aus der Ebene zum aufrechten Gang aus eigner Kraft und Koordination
vollzieht. (Vojta) Ebenso
ist die Situation bei Lagerung des Babys unter einem Spielgestell: Das Kind muß
sich nicht um die Längsachse drehen, um ein naheliegendes Teil seines Interesses
zu angeln, es zu betasten, es zu fühlen, auszuprobieren, was man damit machen
kann. Es patscht nur in der Luft herum und schon klappert etwas und klingelt und
tönt. Merken Sie,
was unseren Kindern angetan wird? Ich glaubte, die Zeiten der "Hopser", die in
den Türrahmen gespannt wurden und lediglich unangenehme Reflexe bewahrten,
sind vorbei, ebenso die Zeiten der "Gehfrei" Gestelle, mit denen die Kinder dann
die Treppen hinunter purzelten, und sich reihenweise Schädel- und sonstige
Brüche zuzogen, doch gerade heute hatte ich wieder einen Krankenhausbericht
in der Post, der über ein derart verletztes Kind berichtete.
Vor etwa 10 Jahren erhielten dann
die Spielkonsolen und Computer Einzug in die Kinderzimmer. Die Eltern waren ängstlich
besorgt und sind es immer noch, ihrem Sprößling diese neue Trainingsmöglichkeit
seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht vorenthalten zu dürfen. Aber
was soll ein Kind vor dem 10. Geburtstag mit diesen virtuellen Angeboten? In diesen
Jahren werden die Grundlagen für die spätere Kompetenz in allen menschlichen
Bereichen gelegt, und Begreifen im Sinne von Kapieren hat ganz viel mit Begreifen,
Anfassen, Spüren, Empfindungen haben, sich auseinandersetzen, streiten und
versöhnen zu tun. Das
Kind ist dem TV und Konsorten regelrecht ausgesetzt, es kann der aufkeimenden
Angst, die durch manche Sendungen geschürt wird, nicht entkommen, hat oft
niemanden, mit dem es alles besprechen kann. Wußten Sie, dass die perfekte
Bewegung des Balletttänzers auf der 300.000-maligen Wiederholung - sprich:
Übung - basiert?! Wenn es um Übung geht, versagen wir auch wieder in
anderen alltäglichen Dingen, wie z. B. dem Binden der Schleife. Aus obengenanntem
Grund benötigen wir Übung und die sollte auch unbedingt visuell erfolgen.
Das Kind muß der Mutter lange Zeit zuschauen können, wie sie die Schleife
bindet, um es dann irgendwann selbst zu tun. Aber auch hier wieder: Klettverschluss,
Zeitersparnis, peng, das zählt. Das Kind als Objekt. Bitte
glauben Sie mir, dass wir Eltern so etwas alles nicht aus böser Absicht tun,
wir tun es, um unser Kind zu fördern, ihm alles Gute zu geben. Die täglich
auf uns einprasselnde Werbung tut das ihrige dazu. Auch glauben wir, dass, wenn
etwas von der Industrie angeboten wird, es nach allen Seiten getestet und damit
unbedenklich ist. Meine Damen und Herren oftmals steht dann an den Gegenständen,
dass sie ärztlich getestet seien. Doch mal ganz ehrlich, welcher Kinderarzt
hat je in seiner universitären Ausbildung etwas über Entwicklung des
Kindes gelernt, noch zu Pädagogik und Psychologie Vorlesungen gehört,
auch mit Methodik und Sozialpädiatrie muß sich der normale Kinderarzt
nicht auseinandersetzen, soll aber immer als erster und manchmal einziger etwas
zur Entwicklung eines Kindes sagen. Günstigstenfalls sind diese Aussagen
auf autodidaktischem Boden entstanden, stellen Sie sich bitte eine solche Situation
in ihrem beruflichen Umfeld vor! Nur so wird begreiflich, dass eklatante Entwicklungsstörungen,
die von Eltern und Erziehern vorgetragen werden, als nicht existent bezeichnet
werden. Eine meiner Lehrerinnen - Inge Flehmig - sagte zu mir am Beginn meines
klinischen Studiums in einem Praktikum, das ich in der Sozialpädiatrie absolvierte:
Wenn eine Mutter zu Ihnen kommt und Ihnen über Auffälligkeiten in der
Entwicklung ihres Kindes berichtet, müssen Sie lange untersuchen, um dieses
zu widerlegen. Denken Sie immer daran, die Mutter ist 24 Stunden mit ihrem
Kind zusammen. Eine weitere meiner Lehrerinnen bezeichnete die Zeit, die wir als
Ärzte mit den Kindern verbringen gar vergleichbar mit dem Vorbeischweben
eines Schmetterlings. Und
so wie Sie und ich als Eltern glauben auch Ärzte an das, was andere für
sie herausgefunden haben, sie glauben "wissenschaftlichen" Studien, evidence based
ist angesagt, auch wenn manch einer vom anderen die Weisheiten abgeschrieben hat.
Viele verbieten sich oftmals die eigene Beobachtung und Kreativität bei neuen
Wegen. In der Musik und in der Kunst mag das ja möglich sein, aber nicht
in der Medizin, hier kann es verheerend wirken. Wer
kann beweisen, dass die im CT auftretenden Veränderungen des Frontalhirns,
die man als zweifelsfrei ADS spezifisch bewertet, schon immer da waren und nicht
reaktiv entstanden sind, Magersüchtige haben ebenfalls eine Frontalhirnveränderung.
Reaktiv, weil das Kind aus neurotischen Gründen aufmerksamkeitsgestört
erscheint, weil es als Seismograph innerhalb seiner fehlgelaufenen Sozialisation
in der Familie dient. Weil
es nicht genügend grobmotorische Reize erhält, wenn es vor TV und ähnlichem
sitzt, in stundenlanger Verharrung - weil es seine Transmitter nicht bilden kann.
Wir wissen doch nicht erst seitdem unser Kollege Strunz das Buch geschrieben hat:
Forever young, dass wir über das Joggen, über die gezielte Bewegung
unsere Endorphine oder Neurotransmitter selbst produzieren können. Aber wo
bitte sind die notwendigen Laufgruppen morgens vor Schulbeginn, die diesen wertvollen
Gedanken und Wegen nachgehen. Wir finden uns doch sonst nicht mit allem ab. Oft
fällt im Schulplan der Sportunterricht weg. Sicherlich hat sich der Mensch
durch die Evolution verändert, aber noch nie zuvor ist er so entsetzlich
körperlich faul gewesen wie viele unserer Kinder. Nun auch noch Vernetzung
der Kindergärten. Ich bitte Sie! Da sollte doch so mancher Knabe lieber mit
seinem Vater hinter dem Bison herjagen!! Warum
laufen Manager, Politiker, führende Persönlichkeiten u.a. als tägliches
oder wöchentliches Pensum? Weil sie sich durch ihre selbst hergestellten
- natürlich pulskontrolliert - Neurotransmitter einfach top fühlen!!
Eine von mir hochgeschätzte,
in der Ritalinanwendung äußerst zurückhaltende Therapeutin, bekundete
mir gegenüber, dass auch sie sich oft einer großen Ausweglosigkeit
gegenüber sehe. Und ein Kind mit einer organischen Störung zu haben
ist für viele Eltern immer noch leichter erträglich und sozial anerkannter,
als selbst etwas mit dieser Störung zu tun zu haben, und viele möchten
auch nicht die Arbeit leisten, die es bedeutet, die Probleme zu bearbeiten. Also
rate auch sie um den Faktor 5 häufiger zu Ritalin als noch vor 5 Jahren.
Die Ritalin-Verfechter sagen
dann, es ginge nicht anders, sie behandeln nur das ADS, damit das Kind stabilisiert
wird und die Defizite ausgleichen lernt. Nun warnen alle Forscher, die neuroanatomisch,
neurophysiologisch und neurobiochemisch arbeiten, vor dem Einsatz der Stimulantien,
weil sie im Ruf stehen, die Rezeptorstellen im Hirn an der Synapse, da wo der
Austausch zwischen Botenstoff und Zelle stattfindet, einseitig zu belegen und
damit für andere Neurotransmitter zu zerstören. Dies sollte alle aufhorchen
lassen und die Indikation gut abwägen. Aber vor allem die Forschung vorantreiben,
damit nicht - laut amerikanischer Forschung 70% der Kinder - zuviel behandelt
werden. Im Therapeutenlager
ist soviel Resignation zu spüren, viele meinen, sie kämen um die Empfehlung,
RITALIN anzudenken nicht herum. Ja, sie geben viel Geld aus, um Fortbildungen
zu machen, in denen sie lernen wie man mittels videogestützter Verhaltensanalyse
das ADS aufspürt. Welch
Wort, welcher Umstand für eine Krankheit, oder doch nur eine Erscheinung,
die es schon immer gab, deren therapeutischer Weg aber noch nie so in die Sackgasse
gelaufen ist, wie heute. Meine Damen und Herren, wir alle wissen, dass eine intakte
Beziehung zu leben tägliche, knallharte Arbeit bedeutet. Ebenso ist es mit
der Erziehung und Führung eines Kindes. Als Vater/ Mutter muß man ein
hohes Maß an Eigenrespekt und Respekt vor den Familienmitgliedern haben,
nur dann kann Erziehung gelingen. Das heißt auch tägliche Erneuerung
der Liebe und Zuneigung, Überprüfung des eignen Standpunktes und desjenigen
der anderen, Zeit und Geduld. (I. Prekop) Ich will uns Kinderärzte nicht
herausheben, aber es liegt doch in der Natur des Berufsbildes, dass wir uns mehr
als Augenärzte, Zahnärzte etc. von diesen pädagogisch-moralischen
Aspekten leiten lassen müssen. Hier zählt der ganzheitliche Ansatz.
(Obwohl gerade die Kieferorthopäden in vorbildlicher Weise über die
Bedeutung der hochcervikalen Region, Kieferprobleme, Kopfschmerz, Tinnitus, vegetative
Probleme u.s.w. informiert sind.) Doch
bevor ich hier in den Ton eines Schlußwortes verfalle, möchte ich Ihnen
sagen, dass Dr. Koch und ich viele Kinder behandeln, die auf Grund von körperlichen
ADS-Problemen, nämlich Blockaden der Wirbelsäule, insbesondere der oberen
Halsregion, sich gar nicht kindgerecht und altersgemäß bewegen mögen
und können, denen man aber relativ elegant und erfolgreich helfen kann. Im
Anschluss an die Darstellung von KiSS/ KiDD und ihrer Therapie daran berichte
ich dann noch von zwei Fällen, die stellvertretend sind für unser heutiges
Thema. Hinweise:
Ihre Liste der notwendigen Untersuchungen bei ADS muß unbedingt durch
die manualtherapeutische Untersuchung ergänzt werden, außerdem ist
die videogestützte Verhaltenstherapie wichtig für die Veränderung
von Elternverhalten. Auf Grund der Beobachtung, dass bei mindestens 40% der auffälligen
Kinder nicht nur visuelle Probleme vorliegen, sondern auch auditive, ist auch
diese Seite vorrangig zu beachten. Hier erinnere ich an die Arbeiten von TOMATIS,
Volf, Warncke. Wir sehen enorm viele Kinder, die persistierende Neugeborenenreflexe
aufweisen, dieser Umstand verhindert die saubere sensomotorische Reifung, ist
Ursache für die überwiegende Anzahl der Teil- Leistungsstörungen.
Ich rate Ihnen, hierzu unbedingt
Fachleute einzuladen. Sally Goddard aus Chester/ England, die viele der Hamburger
TherapeutInnen bezüglich der persistierenden Neugeborenenreflexe ausgebildet
hat, wird im März auf unserer EWMM-Fortbildung in München sprechen.
Alle diese Therapien sind
natürlich zeitaufwendig, weil täglich geübt werden muss, bis die
Heilung dieser Defekt- oder Kompensationszustände eintritt. Doch hierzu denken
Sie bitte an das Insulin und den Diabetes. Sie sehen, es gibt noch Hoffnung, dass
sie sich dem derzeitigen Ritalin-Druck nicht beugen müssen.
Ich
danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. |