| Deshalb
soll im Folgenden nicht nur das Krankheitsbild und seine effektive Behandlung
dargestellt werden, sondern auch auf die möglichen Spätfolgen unbehandelter
Schiefhaltungen eingegangen werden. Erst wenn man sich darüber klar ist,
wie gewichtig deren Konsequenzen sein können, sucht man nach den Frühformen
in der Hoffnung, diese einfacher als die Probleme bei älteren behandeln zu
können.
Wie wichtig Symmetrie für die Entwicklung ist, wurde in den letzten Jahren
immer deutlicher (vgl. die Monographie zu diesem Thema
[18]).
Gerade die Verbindung zwischen der frühkindlichen Fehlhaltung und späteren
Adaptationsproblemen im Schulalter machen eine gründliche diagnostische Klärung
der Frühsymptome so dringlich. Klinik
Auf der Suche nach der Ursache stießen wir auf die Kopfgelenke als Auslöser
bei den meisten Kindern. Der Ausdruck "Kopfgelenke" bezeichnet die Übergangszone
zwischen der Schädelbasis und der Halswirbelsäule, also den oberen Nackenbereich.
Diese Zone hat eine zentrale Bedeutung für die Koordination von Haltung und
Bewegung und damit beim Neugeborenen für das korrekte Erlernen der Bewegungsmuster
(vgl.
[10]).
Störungen in diesem Bereich, die in späteren Jahren zum Beispiel nur
einen „verspannten Nacken“ zur Folge haben, können in der Anfangsphase
der Entwicklung, d.h. im ersten Lebensjahr, tiefgreifende Fehlentwicklungen der
gesamten Sensomotorik zur Folge haben.
Der menschliche Geburtsweg ist durch die einzigartige Beckenkonstruktion infolge
unseres aufrechten Ganges extrem kompliziert und wegen des erst seit „Kurzem“
(d.h. ca. 2 Mio. Jahren) gewachsenen Kopfumfanges noch weiter risikobehaftet
[19,
21]
. Die obere Halswirbelsäule ist hierbei enormen Verletzungspotentialen ausgesetzt.
Diese Kombination aus der Wichtigkeit für die Sensorik und der besonderen
Verletzlichkeit bei der Geburt ist die Ursache des KISS-Syndroms.
Das Wissen um das KISS-Syndrom hat sich erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert.
Zu Anfang standen die Beschwerden und Auffälligkeiten, die praktisch ausschließlich
durch Störungen der Funktion der oberen Halswirbelsäule verursacht sind.
Hier war die Verbindung am engsten und klarsten.
Dann gibt es eine zweite Gruppe von Symptomen, die oft, aber nicht immer
von der Wirbelsäule ausgehen. Schließlich kam es im Laufe der Zeit
immer wieder zu Einzelbeobachtungen, die sich nicht verallgemeinern lassen, die
aber interessante Hinweise geben können.
Diese drei Gruppen spiegeln sich auch in der Akzeptanz des Begriffs KISS wider:
Es ist relativ breit akzeptiert, daß eine fixierte Schiefhaltung beim Neugeborenen
schnell mit manualmedizinischer Behandlung der Halswirbelsäule behandelt
werden kann. Daß es sich auch bei Stillproblemen und persistierendem Schreien
unklarer Ursache anbietet, zumindest an diese Möglichkeit zu denken, ist
schon kontroverser. Daß aber letztlich viele der Jugendlichen, die im Schulalter
mit Koordinationsstörungen und Wahrnehmungsproblemen auffallen an den Folgen
einer geburtstraumatischen KISS-Problematik leiden (vgl. den Beitrag Kühnen
[14])
ruft bei der Mehrheit auch heute noch recht starken Widerspruch hervor....
Die epidemiologischen Erkenntnisse sind an anderem Orte zusammengestellt
[4].
Was wir bei
den Kindern fanden
Wir waren ausgegangen von den wenigen Kleinkindern die wir anfangs behandeln konnten.
Gutmanns Beobachtungen aus den fünfziger und sechziger Jahren
[8] waren
wenig beachtet worden, und bei Vorträgen zumal mit Kinderneurologen oder
Kinderorthopäden wurde einiges an Ablehnung deutlich. Als ich vor über
zwanzig Jahren die ersten Kleinkinder behandelte, war das für mich eine ganz
neue Welt. Selber hatte ich damals noch keinen Nachwuchs und nun wurden mir die
kleinen Dinger in die Hand gegeben. Ich hatte einfach Angst. Angst zu grob zu
sein, Angst etwas zu übersehen. Beide Ängste begleiten mich noch heute,
und ich bin froh darüber; genauso dankbar, daß bisher noch nie etwas
Ernsthaftes passierte und - noch mehr - daß ich noch keine schlimmeren Dinge
übersehen habe.
Beides ist nicht garantiert, und man sollte es mit dem Motto des Chirurgen Sauerbruch
ernst nehmen, der seinen Assistenten sagte: „An dem Tage, an dem Sie den
OP betreten und keine Angst haben, heute einen Fehler zu machen, sollten Sie das
Skalpell weglegen"'. Diese Angst begleitete einen, zumal am Anfang beim Vorwärtstasten
in einem neuen Gebiet. So kristallisierten sich einige Beschwerdekomplexe heraus,
und wir versuchten die Logik dahinter zu begreifen.
Die Untersuchung von Haltungsstörungen und Kopfschmerzen Jugendlicher und
bei Schulkindern konfrontierten uns immer mehr mit der Tatsache, daß die
eigentlichen Ursachen derartiger Beschwerden viel weiter zurücklagen, als
dies der Beginn der Klagen der Kinder vermuten ließ. Wir ließen uns
routinemäßig die Fotos aus der Babyzeit zeigen und konnten so bei vielen
Schulkindern feststellen, daß diese in den ersten Lebensmonaten eine fixierte
Fehlhaltung eingenommen hatten. Weiteres Nachfragen ergab dann oft Hinweise auf
andere Symptome einer KISS- Problematik. Nicht zuletzt dadurch waren immer jüngere
Kinder untersucht und behandelt worden. Dieses Vorarbeiten zu immer jüngeren
Patienten förderte ein Beschwerdemuster zutage, das sich grob in folgende
Gruppen gliedern ließ.
Das Hauptsymptom Asymmetrie
Als Ausgangspunkt der Problematik kirstallisierte sich eine schmerzvermeidende
Schonhaltung heraus, die - je nach Lage der Irritation - verschiedene Haltungen
begünstigte.
Schiefheit
Bei fast allen Kindern, die wir sahen, lag eine mehr oder weniger ausgeprägte
Schiefheit vor. Das konnte nur einen Teil des Körpers betreffen - zum Beispiel
einen fixiert schräggehaltenen Kopf- oder sich über den gesamten Organismus
erstrecken. Solche Bilder pflegt man C-Skoliose zu nennen, weil die Babies wie
ein "C" daliegen.
Auffällig bei diesen Kindern war auch, daß sie dabei noch eine "Schokoladenseite"
hatten. Sie benutzten eine Hand mehr als die andere, drehten sich lieber über
eine Seite, schliefen auf einer bestimmten Seite etc. Am Anfang war es schwer,
ein Muster zu finden. Wenn man gerade mal ein paar Dutzend asymmetrische Babies
gesehen hat, kann man noch nicht viel über die Zusammenhänge sagen.
Im Laufe der Zeit wurde klarer, daß bestimmte Kombinationen von Auffälligkeiten
zusammengehörten:
Ein Kind, das den Kopf nach links geneigt hatte, hielt diesen auch fast immer
nach rechts gedreht. War es zu einer Asymmetrie des Schädels gekommen, so
war in solchen Fällen das linke Gesicht schwächer entwickelt,
die rechte Wange stärker. Eine Abplattung am Hinterkopf war meist rechts,
auch ein kahler Fleck von einseitigem Haarabrieb war dann rechts zu erwarten.
Die Arme und Beine wurden meist an de Innenseite des "C" weniger bewegt, aber
diese Abhängigkeit war weniger stark Auch die Hüftprobleme fanden sich
eher innen im "C", d.h. an der Konkavität der Fehlhaltung. Das kann bis hinunter
zu de Füßen gehen, wo man dann einseitig Sichelfußstellung findet.
Viele Kinder sind erst durch die Befund an den Füßen oder durch Asymmetrien
an den Gesäßfalten näher untersucht worden Von da aus fand man
dann die Einschränkungen der Kopfbeweglichkeit und letzt endlich die Störung
an der oberen Halswirbelsäule als Auslöser des Ganzen. So stand die
Asymmetrie im weitesten Sinne am Anfang der Erkenntnis. Wie immer wenn man sich
intensiv mit einem Problem auseinandersetzt, kommt man mit tieferem Verstehen
auch zu mehr und mehreren Ausnahmen, die die Regel bestätigen: wir kennen
heute Fälle, die überhaupt keine Seitasymmetrie aufweisen und trotzdem
KISS-Fälle sind.
Fixiertes Überstrecken
Hierzu kommt es, wenn das Ausweichen nicht zur Seite erfolgt, sondern nach
hinten. Diese Babies haben praktisch eine C-Skoliose nach hinten; nur nennt man
das definitionsgemäß nicht Skoliose, sondern man spricht von einer
Hyperlordose oder Opisthotonie, zu deutsch: einer übermäßigen
Rückbeugung des Rumpfes. Bei diesen Kindern berichten die Mütter manchmal
spontan, daß sie sie nur an einer Seite stillen können. Diese Kleinen
sind oft auch daran zu erkennen, daß sie die meiste Abplattung am Hinterkopf
haben, da sie ihren Kopf mit Macht gegen die Unterlage drücken. Nicht selten
findet sich aber auf unserer Standard-Röntgenaufnahme kein beeindruckender
Befund, da man hier besser die Seitneigung als das nach hinten Gekippte sehen
kann. Hier ist es vor allem die Haltung selbst, die schon auf den ersten Blick
an die Diagnose denken läßt. Auch hier gilt, daß man nicht vor
lauter Wirbelsäule die anderen Ursachen vergessen sollte: es gibt z.B. Infektionen
des Hirns und der Hirnhäute, die ähnliche Haltungen verursachen. Doch
meist hilft der Verlauf, hier zu unterscheiden.
Diese beiden Grundtypen, die wir als KISS I (fixierte Seitneigung) oder KISS II
(Fixierung in Überstreckung) klassifizieren, kommen selten in Reinform vor.
Meist sind sie mehr oder weniger kombiniert, wobei der Hauptakzent - Fixierung
zur Seite oder nach hinten - die hauptsächliche Klinik vorgibt. Die Details
zu diesem Muster sind in
[5] beschreiben;
Im Folgenden werden einige der wichtigsten Begleitsymptome skizziert.
Über die Asymmetrie hinaus
Reifungsprobleme der Hüftgelenke, oft einseitig.
Eine Glutaealfaltenasymmetrie ist oft der Einstieg in die Diagnose Fehlhaltung.
Hier überlagern sich etliche Symptomkomplexe, von einer oft einseitigen Verzögerung
der Hüftentwicklung bis hin zu echten Fehlanlagen der Hüftpfanne. Voraussetzung
für eine Behandlung über die Wirbelsäule ist hier, daß man
andere Ursachen nicht bagatellisiert oder aus dem Auge verliert. Aber auch bei
Familien, in denen Hüftprobleme gehäuft vorkommen, lohnt sich eine Untersuchung
und Behandlung eventuell gefundener Wirbelsäulenprobleme als Begleitbehandlung.
Je nach Schweregrad und Alter bei Entdeckung des Problems ist die funktionelle
Behandlung der Wirbelsäulenprobleme ergänzend oder ersetzend zu Spreizwindel
oder Abduktionsschiene zu sehen.
Fehlstellungen der Füßchen bis hin zum Sichelfuß.
Das sind schon ganz zu Anfang auffällige Zeichen. Auch hier ist die
Wirbelsäulenbehandlung nicht Alternative, sondern Ergänzung zu anderen
Verfahren. Natürlich ist eine funktionelle Behandlung immer einer passiv
wirkenden Therapie vorzuziehen: Es ist schöner und wirksamer, eine gestörte
Funktion zu optimieren und dadurch die Fußstellung zu bessern als durch
einen Verband oder Gips den Fuß geradezustellen, wenngleich dies manchmal
unvermeidlich ist. ähnliches gilt später für die Einlagen (s.u.).
Schlafstörungen, Schreien im Schlaf.
Dies umfaßt eine Fülle von Schwierigkeiten, die den Eltern bei leichteren
Fällen oft gar nicht bewußt sind. Im Zeitalter der Einzelkinder fehlt
oft der Vergleich, und nicht wenige Eltern berichten erst auf dem Kontrollbogen,
daß ihr Kind nach der Behandlung viel ruhiger schlafe. Gerade die Einschlafstörungen
sind ganz typisch für KISS-Kinder: "Sie findet gar keine Ruhe im Bettchen"
- "Er dreht und wendet sich andauernd und schläft erst ein, wenn er ganz
k.o. ist" - Das sind häufige Beschreibungen der Lage durch die Eltern. Schreikinder
Diese - sehr heterogene - Gruppe sei hier nochmals ganz explizit erwähnt.
Je weiter man von der Problematik entfernt ist, desto eher kann man abwarten und
darauf vertrauen, daß sich nach dem dritten oder vierten Monat alles gibt.
Für den engagierten Betreuer gilt aber die Maxime Lucassens: ``Ich
bin zu beeindruckt von den elterlichen Gefühlen von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit,
ihrer Wut und Angst, ihrem Gefühl daß etwas wirklich nicht in Ordnung
ist mit ihrem Kind, als daß ich sie mit diesem seiner Natur nach selbst-limitierenden
Problem alleinlassen könnte“
[16].
Bei korrekter Vordiagnostik liegt die Erfolgsrate der Manualmedizin bei diesen
Babies bei über 60% in den auf die Behandlung folgenden drei Tagen; eine
prospektive Studie in Zusammenarbeit mit der Kinderklinik Hagen ist in Vorbereitung.
"Haare-Raufen", hohe Tastempfindlichkeit des Nackens.
Wie bei etlichen anderen hier erwähnten Symptomen auch muß dies ganz
gezielt erfragt werden. Meist berichten es die Eltern erst nachträglich,
im Vergleich vorher - nachher fällt ihnen eher etwas auf. Gerade dieses Sich-Wehren-Gegen-Berührung
ist auch ein gutes Indiz für erneut aufgetretene Beschwerden, d.h. für
eine dann notwendige Kontrolluntersuchung.
Alle diese Schwierigkeiten müssen nicht von KISS kommen, aber meist ist es
so, und KISS zu behandeln, ist in aller Regel die einfachste Methode; so einfach,
daß sich oft der Versuch lohnt, auch wenn man sich zu Beginn nicht so ganz
sicher ist, daß man auf die richtige Fährte gestoßen war.
Was sonst noch auffiel
Kinder, die (noch) kaum Asymmetriesymptome haben, fallen durch andere, oft nur
schwer als wirbelsäulenbedingt einzustufende Beschwerden auf . Dazu gehören
zum Beispiel unklare Fieberschübe, Schlaf-Wachstörungen, allgemeine
motorische Unruhe.
Diese Beschwerden sind - es sei hier nochmals betont auch von vielen anderen
Ursachen auslösbar. Man sollte erst dann von einer wirbelsäulenbedingten
Problematik ausgehen, wenn andere wahrscheinliche Ursachen ausgeschlossen
sind und/oder Symptome ausfindig gemacht werden können, die auf eine Asymmetrieproblematik
hindeuten oder wo eine Testbehandlung deutliche Besserung brachte. Gerade der
letzte Punkt ist oft die sicherste Basis einer Diagnose; darauf hatte vor vielen
Jahren schon einer der Pioniere der Manualtherapie, der tschechische Neurologe
Lewit
[15],
hingewiesen. Aber man kann sich auch darauf nicht ganz verlassen. Wir kennen Fälle,
bei denen sich Beschwerden durch manuelle Therapie besserten, obwohl z.B. ein
Tumor dahintersteckte[6,
9]
. Es ist fast nie so einfach, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint...
Hier geraten wir nun in die Randgebiete. Sie sind, wie immer, nicht ganz präzise
abzugrenzen und man muß aufpassen, daß solch eine Beschreibung nicht
ausufert, zumal wenn man voll der guten Botschaft ist. Nehmen Sie also die folgenden
Verweise auf Symptome als Denkanstoß und nicht etwa als "Beweis" für
Zusammenhänge mit KISS in jedem ähnlichen Fall.
Fieber:
Fieberschübe bei Kindern sind immer eine pädiatrische Herausforderung.
Man wird immer erst die gängigen Ursachen untersuchen und ausschließen,
von Atemwegsinfekten über Nieren- und Blasenentzündungen, Allergien
und anderem mehr. Erst dann kann man guten Gewissens daran denken, auch andere
Gründe für erhöhte Temperatur in Erwägung zu ziehen.
Fehlende Veränderungen in den Laborwerten sind ein Anhaltspunkt, im
Wesentlichen ist aber erst ein bestmöglicher Ausschluß anderer Ursachen
zu fordern. Dann - und nur dann - kann man versuchen, über funktionelle Ansatzpunkte
weiterzukommen. Hinweis auf die Halswirbelsäule ist die begleitende Asymmetrie
oder andere KISS-Zeichen.
Sabbern:
Viele "Sabberkinder" haben das typische Halstuch um, mit dem die Eltern zu vermeiden
versuchen, daß das Hemdchen des Kindes x-mal am Tag gewechselt werden muß,
weil es wieder einmal naß ist. Der fehlende Mundschluß kann durch
Probleme der Muskelsteuerung in diesem Bereich - und damit auch im Hals-Nackenareal
- verursacht und unterhalten werden Dazu kommt dann oft eine zwanghafte Rückbeuge
des Kopfes. Bei Babies äußert sich das in einer Haltung "wie ein Flitzebogen
nach hinten durchgebogen" - wie eine Mutter das nannte. Bei älteren Kleinkindern,
die schon anfangen sich zu vertikalisieren, gibt dann die Brustwirbelsäule
entsprechend nach, um überhaupt ein Geradeausschauen zu ermöglichen.
Diese Kinder haben dann angeblich eine "schlaffe Haltung".
Schluckbeschwerden:
Für diese gilt ähnliches wie für das Sabbern. Wenn die Koordination
im Schlundbereich gestört ist, kann eine Ursache die Verspannung der Halswirbelsäule
sein. Hier ist eigentlich nur der Erfolg nach Behandlung Indikator für einen
ursächlichen Zusammenhang. Die Kinder kommen fast nie nur deshalb zur Behandlung.
Eine Besserung dieser von den Eltern oft als Nebenprobleme empfundenen Störungen
wird meist erst im Nachhinein berichtet.
Lautieren und Sprechen:
Spracherlernung ist ohne exakte Kontrolle der Schlundmuskulatur unmöglich.
Schon von daher liegt ein Zusammenhang mit Steuerungsproblemen der Halsmuskulatur
nahe. Wenn die Begleitzeichen in Richtung Asymmetrie weisen, kann man daran denken,
die Halswirbelsäule in therapeutische Überlegungen mit einzubeziehen.
Gerade auch in Kombination mit einem schlechten Mundschluß und bei Kindern,
die viel sabbern, wird man eher an eine Ursache im Bereich Hals/Schädelbasis
denken.
Hier ist es ein bißchen wie bei Schielkindern: wir haben etliche Berichte
von Kindern (sie sind meist älter als zwei Jahre), bei denen im Rahmen einer
erfolgreichen KISS- Behandlung auch das Sprechen koordinierter wurde, wie auch
das Schielen manchmal nachließ. Besonders auffällig ist das bei der
Mitbehandlung behinderter Kinder im Schulalter. Für einen "Beweis" sind diese
Fälle aber viel zu selten. Wieviel davon auf die direkte Beeinflussung der
Sprachmotorik zurückzuführen ist, kann nur schwer von der generellen
Verbesserung der Wahrnehmung und damit der Reaktion auf das Wahrgenommene getrennt
werden.
Differentialdiagnose
Bei der Suche nach Abgrenzungskriterien weisen die statistischen Auswertungen
[4] auf
drei anamnestische Details:
- Querlagen
- Verzögerte und verlängerte Geburtsvorgänge
- Verwendung von Geburtshilfen (Saugglocke, Zange)
- Mehrlingsschwangerschaften
Diese Neugeborenen waren bei den Kindern mit manifester KISS- Problematik drei-
bis vierfach überrepräsentiert. In den letzten Jahren wurde auch immer
deutlicher, daß es eine familiäre Disposition zu geben scheint: Wir
sehen immer mehr, daß bei einer weiteren Schwangerschaft das Risiko einer
KISS-Problematik bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern bei über 50% liegt.
Nun muß man dies sicher auch vor dem Hintergrund einer gewissen Sensibilisierung
und Erwartungshaltung sehen. Andererseits ist die schnelle und durchgreifende
Besserung der Beschwerden gerade in der Frühphase (persistierendes Schreien,
``3-Monats-Koliken“) für die Eltern eine große Erleichterung
und nur schwer über Suggestionsmechanismen erklärbar, wie dies immer
wieder insinuiert wird. Bei Neugeborenen mit intrauteriner Schieflage (das entspricht
dem bekannten ``Schräglagesyndrom“) fällt die Asymmetrie oft schon
unmittelbar nach der Geburt auf. Bei Kindern, bei denen die geburtstraumatische
Genese im Vordergrund steht treten die Symptome typischerweise erst nach vier
bis sechs Wochen auf und werden in der Regel bei der U3 oder U4 notiert.
Für den Nicht-Fachmann ist die Überprüfung der Kopfbeweglichkeit
und der (Hyper-)Sensibilität des Nackens sicher die einfachste Methode. So
kann man sich schnell einen ersten Eindruck verschaffen, ob es Sinn macht, den
Verdacht einer funktionellen vertebragenen Störung weiterzuverfolgen. Wie
man dann vorgeht hängt von den lokalen Gegebenheiten ab: die eine wird eine
entsprechend ausgebildete Physiotherapeutin zuziehen, der andere gleich das Baby
einem Manualmediziner vorstellen können. Es gibt auch therapeutisch mehrere
Wege zu Ziel: man kann sich bei blanden Fällen anfangs auf Handling beschränken,
das Bettchen anders stellen, bei Füttern die schwächere Seite stimulieren
etc. Wenn dies nicht ausreicht, können physiotherapeutische Methoden à
la Bobath, Vojta o.ä. empfohlen werden. Schließlich - und vor allem
bei massivem Schreien und ähnlich akuten Beschwerdebildern - ist die manualmedizinische
Behandlung die Methode der Wahl, da am schnellsten und effektivsten wirksam.
Das klinische Bild des unbehandelten KISS-Syndroms durchläuft in der Regel
vier Stadien:
1. Unspezifisches Vorstadium mit Symptomen vegetativer Irritation und Dysphorie:
Schreikinder, 3-Monats-Koliken u.ä (post partum bis ca. 3. Monat).
2. Asymmetriesymptomatik dominiert von der Erlangung der Kopfkontrolle bis
zur Vertikalisierung (3-12 Monat).
3. Symptomarmes bzw. -freies Intervall zwischen der Vertikalisierung und
dem 4. bis 5. Geburtstag
4. Zeichen der Dysgnosie und Dyspraxie (sensomotrische Störungen) im
Sinne des KIDD-Syndroms (Kopfgelenk- induzierte Dysgnosie und Dysphorie[3]).
Die Kenntnis der Frühstadien der sensomotorischen Störungen im Schulalter,
die uns vor so große therapeutische Probleme stellen und mit einer Vielzahl
von Begriffen belegt sind (MCD, POS, ADS ...) eröffnet die Chance einer Früherkennung
und damit einer ungleich wirksameren und unaufwendigen Therapie. Diejenigen, die
als Hebammen ganz am Anfang stehen, können hier auf feine Zeichen asymmetrischer
Entwicklung aufmerksam machen, die zu diesem Zeitpunkt gar nicht behandelt werden
müssen, aber für spätere Kontrolle sensibilisieren.
Behandlung
Die manualmedizinische Behandlung wird durch die Erhebung der Anamnese, eine obligate
Röntgenuntersuchung der Halswirbelsäule und die funktionelle Diagnostik
mit segmentaler Untersuchung vorbereitet. Die Technik selbst besteht in der Regel
in einem moderaten seitlichen Impuls im Bereich der ersten drei Cervicalsegmente
[13].
Bei den von unserer Arbeitsgruppe überblickten Behandlungen von Kleinkindern
(über 10.000 Kinder unter 24 Monaten in den letzten 20 Jahren) kam es zu
keiner ernsthaften Komplikation über gelegentliches Erbrechen oder kurzen
und spontan reversiblen Blutdruckabfall
[12].
Bei den in der Literatur berichteten Komplikationen (z.B.
[7])
handelte es sich um Rotationsgriffe und/oder mehrere Behandlungen in kurzer
zeitlicher Abfolge. Wir raten unbedingt zu sparsamster Handhabung der Manualtherapie
bei Kleinkindern. Fast immer genügt eine einzige Behandlung (85% der Fälle
[4]).
Ein Mindestabstand von sechs Wochen zwischen zwei Behandlungen - so sie denn indiziert
erscheinen - sollte eingehalten werden. Drei Wochen nach Therapie kann dann der
Effekt beurteilt werden. Bei ca. einem Drittel der Kinder muß mit anderen
Verfahren weiterbehandelt werden, in der Regel physiotherapeutisch.
Ausblick
Das Behandeln der kleinen KISS-Kinder macht klar, daß man nicht im luftleeren
Raum arbeitet, sondern ganz entscheidend auf die Kooperation der Kollegen angewiesen
ist, seien es Geburtshelfer und Hebammen, Kinderärzte und Kinderorthopäden
oder auch KrankengymnastInnen, Kindergärtnerinnen oder GrundschullehrerInnen.
Diese müssen erst einmal auf die Idee kommen, daß ein sie beschäftigendes
Problem mit Funktionsstörungen der Wirbelsäule zusammenhängen könnte.
Gerade bei den ganz kleinen Kindern ist das oft nicht so trivial, wie man am grünen
Tisch sitzend meinen könnte.
- Wie viele Babies schreien stunden- und tagelang, ohne daß
man ihnen helfen kann?
- Wieviele Eltern verzweifeln dabei, neben solch einem kleinen
Wicht zu sitzen und keine Idee zu haben, wie man ihm helfen könnte?
- Wie viele Kinder haben die berühmt berüchtigten
"Dreimonatskoliken", bei denen den Eltern auch nicht viel zur Hilfe an die Hand
gegeben wird?
All diese Kinder sollten zumindest auf wirbelsäulenbedingte Probleme hin
untersucht werden.
Das Abtasten des Halses, die Prüfung der Drehfähigkeit des Kopfes nach
links und rechts sind keine Geheimwissenschaft. Wenn man hier Auffälliges
bemerkt hat, zieht man einen Spezialisten hinzu. Von hier aus
haben sich diejenigen, die mit Babies und Kleinkindern zu tun haben, weiter vorgearbeitet.
Eigentlich sollte man besser "zurückgearbeitet" sagen, da man vom Symptom
"Asymmetrie" aus auf dessen Vorläufer aufmerksam wurde. Reverse engineering
nennt man das auf Englisch: Man schaut sich eine Maschine oder eine Situation
an und versucht zurückzuverfolgen, woher das Ganze kam, wie die Maschine
konzipiert ist. Ein Großteil unserer medizinischen Erkenntnis ist so gesammelt
worden. So auch bei KISS: nachdem wir wußten, daß viele Schreikinder
auch schief waren, schaute man sich Schreikinder, die auf den ersten Blick kaum
durch Schiefheit aufgefallen waren, daraufhin genauer an.
Mit jedem Kind, das wir sehen, wird die Neugierde größer. Ich erinnere
mich an Kinder, bei denen sich eine Neurodermitis schlagartig besserte, bei denen
ein Strabismus in wenigen Tagen deutlich geringer wurde..
Wahrscheinlich fährt man um besten, wenn man das in die Kategorie "Zufall"
einsortiert. Derartige Fälle, bei denen nicht-wirbelsäulenabhängige
Krankheitsbilder gebessert werden konnten, sollten nicht zu überschießenden
Vermutungen mißbraucht werden, aber sie geben zu denken. Ist es die Entspannung
der vegetativen Reaktionslage, die Beeinflussung der koordinativen ``Grundparameter“
die hier eine Rolle spielen?
Noch kann man nur spekulieren. Wenn wir einmal so weit sind, daß die Untersuchung
und Behandlung der HWS-Probleme zum Standardrepertoire der Kinderärzte gehören,
wird man hier die Indikation für eine Behandlung großzügiger fassen
- und einen besseren Überblick über die Auswirkungen in derartigen Fällen
gewinnen.
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Dr. med. Heiner Biedermann
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