Fallbericht
von Dr. Robby Sacher
Zur Vorstellung kommt ein 13-jähriges Mädchen
mit bekanntem Mb. Down.
Das strahlende Gesicht "passt", das auffällige
Gangbild mit orthopädischer Schuhzurichtung nicht.
Anamnese:
-
Entbindung nach 36 SSW, Mb. Down
- Entwicklung verzögert, spät gekrabbelt
und gelaufen
- seit ca. dem 10. Lebensjahr zunehmende Gangstörungen und
Gangunsicherheit, Kraftminderung der unteren Extremitäten, belastungsabhängige
Hüftschmerzen, auffällige Fußhaltung - seit 2 Jahren orthopädische
Schuhe
- keine Miktionsschwierigkeiten oder Sensibilitätsstörungen
Therapie
bisher:
- Krankengymnastik, Ergotherapie, Hippotherapie, Logopädie,
z.Zt. keine
Die Eltern baten um eine manualmedizinische Kontrolluntersuchung.
Klinische
Untersuchung:
- Hohlfüße, Dorsalextension im OSG li 90°,
re 100°
- Fußklonus li > re, Tonuserhöhung in beiden unteren
Extremitäten
- MER der oberen Extremitäten seitengleich auslösbar,
Bauchhautreflexe regelrecht, Babinski bds. positiv, PSR und ASR bds. gesteigert
-
Keine Sensibilitätsstörungen, Gangbild leicht ataktisch
Manualmedizinischer
Befund:
- Einschränkung der Halswirbelsäulenfunktion mit Kopfgelenksfehlfunktion,
verschiedene weitere segmentale Funktionsstörungen, Fehlhaltung
HWS
Röntgen in 2 Ebenen:
- Hypoplasie des Arcus dorsalis atlantis, Denskyphose
mit reaktiver Ventralverlagerung des Atlas nach ventral, Einengung des subforaminalen
Raumes (Abb. 1 und 2)
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| Zoom | Zoom | Zoom |
| Abb.
1 cervicale Myelopathie | Abb. 2 Ausschnitt und Skizze, rot
dorsale Begrenzung des Spinalkanals |
Verdachtsdiagnose: cervikale
Myelopathie mit unterer Diplegie li > re und leichter spinaler Ataxie, atlantodentale
Instabilität(?)
Telefonische Rücksprache mit Orthopäden am
Heimatort, Empfehlung MRT- Diagnostik und neurologisches Konsil (Juni 2005).
MRT:
Spinalkanalstenose C1 mit intramedullärer Signalveränderung
Navigations-CT:
eng angelegter Atlasring mit Rückenmarkskompression von dorsal
Verschiedene
neurologische Konsile.
Neurochirurgische Vorstellung (März 2006) mit
nachfolgender subforaminaler Dekompression, Resektion des arcus dorsalis atlantis,
hochzervikale Osteosynthese
Intraoperativer Befund: erhebliche, insbesondere
linksseitige Kompression des Rückenmarks bei dorsaler Impression des arcus
dorsalis atlantis
Weiterer Verlauf: Intra- und postoperativer Verlauf komplikationslos,
die Diplegie ist nach 12 Monaten nicht rückläufig aber auch nicht progredient.
Diskussion:
Die
Vergesellschaftung eines Down-Syndroms mit atlantodentalen Instabilitäten
infolge Insuffizienz des Ligamentum transversum atlantis ist gut bekannt [1].
Je nach Ausprägung findet sich im seitlichen Röntgenbild bzw. auf Funktionsaufnahmen
ein vergrößerter atlantodentaler Abstand (> 4mm).
Die Hypoplasie
des arcus dorsalis mit schmalem hinterem Atlasbogen stellt einen Begleitbefund
dar, der im vorliegenden Fall eine Lumeneinengung des Spinalkanals begünstigte.
Derartige Befunde gehen vermehrt mit lumbosacralen Übergangsstörungen,
Hüftüberdachungsstörungen oder Zahnnichtanlagen einher [2,3].
Bei
der Patientin kam es jedoch durch Entwicklung einer Denskyphose zu einer Ventralverlagerung
des Atlas mit reaktiver subforaminaler Kompression und unterer linksbetonter Diplegie.
Dabei passt der deutlichere ipsilaterale neurologische Befund zur beschriebenen
linksbetonten Impression intraoperativ.
Die manualmedizinisch diagnostizierte
Dysfunktion hochzervikal muss als protektive Stabilisierungsreaktion gewertet
werden, eine chirotherapeutische Behandlung ist kontraindiziert.
Die Entwicklung
eines Hohlfußes bei Mb. Down ist zumindest ungewöhnlich. Zu erwarten
wäre neben einer allgemeinen muskulären Hypotonie und variablen Hypermobilität
der Extremitätengelenke eine Absenkung der Fußgewölbe.
Die
Einschränkung der Dorsalextension der OSG, der neurologische Befund sowie
die Tonuserhöhung der unteren Extremitäten waren richtungsweisend für
eine zusätzlich vorliegende neurologische Problematik - wo auch immer. Die
leere Kleinkindanamnese (zunehmender Gangstörung, Fußfehlstellung,
Kraftverlust seit 3 Jahren) weist auf einen progredienten Prozess hin. Die bei
Erstvorstellung durchgeführte radiologische Untersuchung der HWS offenbarte
ein subforaminales Kompressionssyndrom (ohne Kopfschmerzen (!) oder Sensibilitätsstörungen).
Die durchgeführte Entlastungsoperation konnte ein weiteres Fortschreiten
der neurologischen Symptomatik zwar verhindern, das Schädigungsmuster war
jedoch bis zum heutigen Tage irreversibel.
Fazit
für die Praxis:
- atypische Befunde sind atypisch
- ungewöhnlich
lange Zeitspanne zwischen Verdachtsdiagnose und operativer Versorgung
- Bewertung
aktueller Röntgenbefunde bei chirotherapeutischen Eingriffen an der HWS
-
Beachtung atlantodentaler Irritationen bei Mb. Down (Insuffizienz des Lig. transversum
atlantis)
- Differenzierung komplexer Symptomatologien
Literatur:
1.
Weber U, Robinson Y, Kayser R. Rare pathological alterations of the upper cervical
spine requiring surgical treatment. Orthopäde 2006 Mar; 35(3):296-305.
2.
Biedermann H, Sacher R. Formvarianten des Atlas als Hinweis auf morphologische
Abweichungen im Lenden-, Becken- und Hüftbereich. MM 2002; 40:330-338.