Rückblick
Kongress Passau 2009 18. EWMM
Kongress 8. - 11. April 2010 in Köln
Donnerstag
8. April: Am ersten Tag fanden die verschiedenen Workshops
statt. Neben der Einführung in die KiSS-KiDD-Problematik, die von Uli
Göhmann und Robby Sacher übernommen worden war, konnten sich die
Teilnehmer auch mit der speziellen Situation während der Schwangerschaft
und bei der Geburt vertraut machen. Diesen Part hatte Bruno Maggi übernommen,
der als alterfahrener Manualmediziner und gleichzeitig langjähriger hausgeburtlich
Tätiger beide Aspekte der Problematik bestens kennt. E. Schönau
stellte in seinem Institut die Ganzkörpervibration als Rehabilitationskonzept
vor, wobei die Teilnehmer vor Ort' direkt an den Geräten Erfahrungen
sammeln konnten. B. Alt schließlich gab eine Einführung in
die Manualmedizin bei alten Menschen. Freitag 9. April: Hier
wurde dann der eigentliche Kongress eröffnet.  Plenum
Nachdem
J. Koebke als Hausherr und H. Biedermann als Veranstalter die Teilnehmer
begrüßt hatten, wurde von Ch. Matyssek (jetzt Kinderklinik Bochum)
ihre Promotionsarbeit aus dem anatomischen Institut der Universität Köln
vorgestellt - Kopfgelenke und Nackenmuskeln beim Neugeborenen und Erwachsenen. Zu
Beginn wies sie auf die völlig unterschiedlichen Proportionen hin: beim Neugeborenen
ist das Verhältnis Kopf zum Rumpf 1: 4, beim Erwachsenen 1:8, was zu komplett
andersartigen Beanspruchungen der beteiligten aktiven und passiven Strukturen
führt. In einem 3 dimensionalen Koordinaten System wurden Ansatz und Ursprung
der kurzen Nackenmuskeln bei den beiden Gruppen verglichen. Es zeigte sich, dass
im Laufe der Entwicklung die Processi spinosi nach dorsal wachsen und die Processi
tansversi atlantis sich nach lateral entwickeln. Diese Entwicklung verläuft
parallel zum Wachstum des Schädels. Die Hebelarme der kurzen Nackenmuskeln
werden grösser, der Kopf, dessen Massenschwerpunkt vor dem Drehpunkt C0/C1
zu liegen kommt kann, kann somit leichter ausbalanciert werden. Ein Anzeichen
für die Wichtigkeit und Präzision dieser Funktion ist die hohe Dichte
an Rezeptoren in diesen Muskeln und Gelenken. E. Schönau
Pädiatrie Universität Köln: Die muskulo-skelettale Einheit in Diagnostik
und Therapie: Osteozyten registrieren Informationen über die Verformung
des Knochens durch äußere Kräfte. Sie aktivieren Osteoblasten,
welche die Zonen stärkerer Belastung durch Knochenanbau verstärken,
und auch die Osteoklasten werden aktiviert, welche die Zonen der verminderten
Belastung abbauen. Bewegung stimuliert den Knochenanbau, ohne aber dessen
Dichte zu verändern. Inaktivität stimuliert die Osteoklasten, welche
den Knochen vor allem an der Corticalis von medial her abbauen. Die Muskelmasse
korreliert mit der Knochenmasse. Springen verhindert bzw. verzögert die Osteoporose.
Eine gut funktionierende Muskulatur ist ein elastisches System, das Kraft gut
zwischenspeichern kann. Bei gut funktionierendem System entsteht ein federnder'
Gang im Gegensatz zum tapsigen' Gangbild. Auf diesen Beobachtungen aufbauend
zeigt der Referent ein Therapiegerät, welches mit wenig Kraft und alternierend
wippenden Bewegungen die Entwicklung der muskulo-skelettalen Einheit fördert.
(vibrationsunterstützte Übungen). Er demonstrierte anhand einiger eindrücklicher
Kasuistiken den Erfolg dieses Therapiekonzeptes. A.
Rodden/E. Schiffer (Hamburg/Quakenbrück) sprachen anschließend
aus psycho-somatischer Perspektive über "Das Kreuz mit dem Kreuz".
Rodden, aus Texas stammend, aber schon lange in Deutschland lebend, kann auf eine
breit aufgestellte Laufbahn zurückblicken (Verweis
folgt); er zeigte in kurzweiliger Form einen Literaturüberblick.
Die Inzidenz von Kreuzschmerzen bei über 60 jährigen beträgt
ca. 20%; sie nimmt bei Frauen ab dem 85. und bei Männern ab dem 90. Lebensjahr
wieder ab. Von diesen - häufigen - Beschwerden sind 80% innerhalb von 6 Wochen
mehr oder weniger spontan besser. Nur eine Minderheit von ca. 10% dauern länger
als drei Monate; diese relativ kleine Gruppe verursacht 90% der Kosten und der
Morbidität. Hierzu findet man in der Regel kein somatisches Korrelat. Wohl
gibt es anamnestische Warnhinweise, dass ein Schmerzpatient zu diesen 10% gehören
wird: Angst, Depression, belastende Familien- und Berufsverhältnisse. Der
Schmerz wird als ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis definiert.
Ein physischer Schmerz ist auch ein psychologischer Schmerz. Dies illustrieren
funktionelle MRI des Gehirns in welchen gezeigt wird, dass bei erfahrener sozialer
Isolierung (im Experiment) die gleiche Hirnstruktur (vorderer Gyrus cinguli) wie
bei Rückenschmerzen aktiviert wird. Rodden stellte einen 35-Fragen- Katalog
vor, der diese Personen mit relativ hoher Trefferquote frühzeitig erfassen
soll. (Örebro musculoscelettal Index). Im zweiten Teil ihres gemeinsamen
Referates stellte E. Schiffer eindrücklich dar, dass ein sozial isolierter
Mensch (stammesgeschichtlich begründet) großen Ängsten ausgesetzt
ist; außerhalb der Gruppe hat er wenig Überlebenschancen - das ist
eine ganz alte Erfahrung. Diese Ängste aktivieren den Gyrus cinguli. Es entsteht
wie beim Schmerz ein biologisches Warnsignal'. Das Urvertrauen in die Bezugspersonen
der unmittelbaren Umgebung nimmt ab. Was uns dagegen helfen könnte, wird
aggressiv besetzt. Er zeigt es am einem Beispiel: Singen würde helfen, aber
wer von uns schämt sich nicht alleine in einer Gruppe vorzusingen? Es gilt,
spielerisch und schöpferisch zum Urvertrauen zurück zu finden. Hier
muss sich der involvierte Arzt und Therapeut selber hinterfragen, ob seine Art
der Kommunikation mit dem Patienten konstruktiv oder destruktiv ist. Diese Überlegungen
führten zu einem 6 wöchigen Rehabilitationsprogramm für Schmerzpatienten.
Teil davon ist auch der Einbezug der Familie des Patienten in den sozialen Heilungsprozess.
Es zeigt gute Erfolge: Besserung der Schmerzen in 41% (16% bei Unbehandelten)
Besserung der Depression in 37% (Unbehandelte 17%). Die Referenten überzeugten
und berührten den Schreibenden emotional.  A.
Rodden und L.E. Koch
L. Beyer - Jena Haptik:
Grundlage manueller Befunderhebung und Therapie Haptik (griechisch: "das
fühlbare") bedeutet aktives Erfühlen von Größe, Kontur,
Oberflächen-beschaffenheit und Gewicht eines Objektes mit den Hautsinnen
und der Tiefensensibilität. Diese Eindrücke werden mit dem motorischen
Cortex verbunden. Der manualmedizinische Befund entsteht als bewegter mechanischer
Reiz und wird taktil kinästhetisch erhoben. Diese Qualität der Wahrnehmung
lässt sich nicht ausschalten (wie z.B. visuelle oder auditive Kanäle).
Es gibt schnell und langsam adaptierende Rezeptoren mit Rezeptorfeldern variabler
Größe. Interessant ist auch die Tatsache, dass, wenn man eine Kontur
mit dem Finger nachgefahren hat, diese nach 10 Sekunden unvollständiger reproduziert
werden kann als nach 2 Minuten. Der Referent schlug dann den Bogen zur Ausbildung
der Manualtherapeuten. Er propagierte die Schüler in Dreiergruppen lernen
zu lassen, der Erste erhebt den Befund, der zweite erlebt die Befunderhebung als
"Patient" und der Dritte kommentiert verbal was passiert. Die Rollen
werden dann gewechselt. Ein einleuchtender Vorschlag.  L.
Beyer
R. Sacher baute seinen Vortag vor
allem auf einer Gliederung auf, die er ganz altmodisch' auf die Tafel schrieb,
ein erfrischender Kontrast. Angeborene Reflex- und Bewegungsmuster - die Reflexologie
beim Säugling - ist ein komplexes Thema. Diese Bewegungsmuster von Säuglingen
sind zur Sicherung der Haltung und Stellung im Raum wichtig. Die Denkschule um
Sally Goddard und Peter Blythe wird sich an seinen Erklärungen der Bedeutung
von "persistierenden frühkindlichen Reflexen" als Halte- und Sicherungsreflexen
sicherlich reiben. D. Ritzmann (Zürich) hat
ein herzerfrischendes Lachen und mit dem Charme des Schweizer Dialekts stellte
sie - Biomechanik der Schwangerschaft - das Thema Geburt, Geburtstrauma und Schmerzen der
Gebärenden peripartal dar. Dabei wurden alles Aussagen mit Verweisen auf
aktuelle Literatur verbunden (Verweis folgt).
Obwohl eine Teilnehmerin bemängelte, sie hätte praktische Demonstrationen
vermisst, wurde doch deutlich, wie wichtig die normale Funktion des Beckenrings
für Mutter und Säugling ist. Ritzmann wies darauf hin, dass unsere beschuhte
Gehweise und die überall mit Asphalt und Beton verhärteten Böden
zu einer enormen Zunahme von ISG-Problemen führen. Hier besteht ein Bezug
zum Referat Krockers, der ebenfalls - von sportmedizinischem Ansatz kommend -
auf die Problematik der Fehlbelastung unserer Beine durch Schuhwerk hinwies.  D.
Ritzmann
Einen Sprung weit entfernt ist die orthopädische
Klinik der Uni Köln; von hier kommend berichtete J. Michael über
die Indikationsstellung zur orthopädischen Operation mit Hilfe manualmedizinischer
Diagnostik. Dies kann nach seiner Aussage durchaus dazu führen, dass auch
manualmedizinisch behandelt wird. Er betonte die Wichtigkeit dieses zweigeleisigen
Vorgehens für seine Klinik - etwas, was noch vor einigen Jahren nicht in
dieser Form selbstverständlich war. Eine interessante Kasuistik war dann
das Fallbeispiel "Arthrose im Hüftgelenk" mit familiärer Anbindung.
Wie wichtig ist doch die Anamnese und die Art und Weise der Gesprächsführung
in der ärztlichen Praxis, und gerade in der konservativ orthopädischen
Arbeit. Die passenden Zitate von Rilke bis Wilbur rundeten den Vortrag ab. R.
Schöttl - weiter denkender Zahnarzt in der zweiten Generation - nahm
uns mit auf einen Spaziergang von der starr- mechanistischen Sichtweise der Funktion
des Kiefergelenks bis zur neuromuskulären Perspektive, die dann auch die
Halswirbelsäule mit einbezieht und der hoch komplizierten Gelenkmechanik
dieser Aggregate gerecht wird. In der anschließenden Diskussion kritisierte
Hausherr Prof. Koebke Schöttls Aussagen über die Biomechanik des Kiefergelenks
als zu technisch - Scharniergelenk und Plastizität des Bisses als zu vereinfacht.
Letztlich zeigte sich aber dann, dass die Meinungen doch recht nahe beieinander
lagen.  R.
Schöttl
Der Kieferorthopäde Th. Richter
stellte in seinem Beitrag Kieferorthopädische Konzepte bei Erwachsenen die
Umformung des Ober- und Unterkiefers bei Fehlbissen des Erwachsenen dar. Er setzt
hierfür eine Kombination von Bionator und Damon-Technik ein, einer Methode
aus USA. An einigen teils langjährigen Verläufen wurde dies plastisch
geschildert. S. Hugger hat in ihrem Vortrag CMD
bei Erwachsenen die verschiedensten Studien zur temporo-mandibulären Dysfunktion
bzw. cranio-mandibulären Dysfunktion. Wir bevorzugen den Ausdruck cervico-mandibuläre
Dysfunktion, da uns dies realistischer zu sein scheint, sind uns aber im Klaren,
dass Huggers Version (noch) verbreiteter ist. Die Halswirbelsäule, also die
Cervikalregion gibt uns einfach die effizienteren Behandlungsansätze. Vielleicht
sollten wir ein c hinzufügen - also CCMD sagen. Samstag
10. April: Der 2. Kongresstag wurde eröffnet
von N. Stuhrmann, der Leiterin der Phoniatrischen Abteilung der HNO Univ.-Klinik
Heidelberg. Sie stellte zunächst ihr noch sehr junges Fachgebiet vor, in
dem in Deutschland bisher ca. 140 Fachärzte arbeiten. Pointiert gab sie einen
Überblick über die anatomischen Besonderheiten der altersabhängigen
Strukturveränderungen am Kehlkopf und bot vor allem als Video Stimmbeispiele
der jungen und älteren Maria Callas an, die eindrücklich die Modulierbarkeit
der Stimme in den verschiedenen Lebensaltern hörbar machte. Sie wies auf
den Zusammenhang zwischen Kehlkopf und topographisch und funktionell benachbarten
Geweben hin; durch Erfahrung mit der Manualtherapie konnte sie eine segmental-cervicale
Höhenlokalisation der verschiedenen phoniatrischen Symptome zeigen als Grundlage
einer zielgerichteten Manualtherapie. Auch dies wurde anhand kleiner Videodemonstration
visualisiert.  N.
Stuhrmann
Anschließend stellte M. Dickholtz
(Chicago) als Mitbegründer und ehemaliger Präsident der NUCCA (National
Upper Cervical Chiropractic Association) seine Erfahrungen aus 50 Jahren praktischer
Manualtherapie der oberen HWS vor. Der 87-jährige (!) Senior des Kongresses
gab eine engagierte Rundumbetrachtung der vielfältigen Wirkungen von Manualtherapie
der oberen HWS auf das Vegetativum. Die von ihm dargestellte Methodik erinnert
in vielem an die klassische HIO- Technik. Behandelt wird anhand einer speziellen
Röntgentechnik und -auswertung zur Ermittlung der Symmetrieverhältnisse
und damit der Behandlungsrichtung. Röntgenbilder werden gezeigt und daran
die Messdaten erläutert. Ob, die von ihm propagierte Präzision bis auf
die mm-Ebene realistisch ist, sei dahingestellt
Er berichtete über
eine mit der amerikanischen Gesellschaft für Bluthochdruck gemeinsam strukturierte
randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Pilotstudie mit 50 Probanden,
die nach einmaligem "positioning" der Kopfgelenke eine signifikante
Blutdrucksenkung nachweist (Hinweis auf die Studie Bakris, bzw. Link dahin). Zu
Ende seines Referates stellte er die positiven Effekte der Kopfgelenkbehandlung
bei Schwindel, Kopfschmerz & Skoliose vor und machte noch einen Exkurs in
die unterstützende Behandlung von autistischen Kindern - fürwahr ein
breites Spektrum.  M.
Dickholtz
Der Gastgeber und Leiter des anatomischen
Instituts der Universität Köln J. Koebke bot danach eine umfassende
Darstellung der Anatomie der Wirbelsäule - insbesondere berücksichtigte
er die altersbedingten Veränderungen wie Osteoporose und vor allem auch den
Gestaltwandel der Bandscheibengewebe im Laufe der Lebensalter. Auch auf die Statik
der Wirbelsäule wurde eingegangen. Der Vortag beeindruckte durch die hervorragenden
Präparate.  J.
Koebke
Die drei "K" für Kondition,
Kraft und Koordination als Ziel einer sportmedizinischen Betreuung von Sportlern
in der 2. Hälfte des Lebens erläuterte B. Krocker. Gestützt
auf seine langjährigen Erfahrungen im Leistungs- und Freizeitsport erhielten
die Teilnehmer einen Überblick über Grundprinzipien der Sportmedizin
für Anfänger, Wiedereinsteiger und Leistungssportler (ja, auch die gibt
es jenseits des 45. Lebensjahres) bis hin zur Betreuung von Reha-Sportgruppen.
Probleme der Überbelastung - nicht nur des Bewegungsapparates - kamen dabei
ebenso zur Sprache wie manualmedizinische Konzepte zur Behandlung typischer Sportverletzungen
und deren Prophylaxe. Im anschließenden Vortrag
erläuterte der Kölner Biochemiker F. Zaucke die Struktur und
altersbedingte Veränderungen des Kollagennetzwerks. Im Vordergrund standen
dabei Fragen der morphologischen Struktur und ihrer molekularen Details, deren
Organisation sowie die altersabhängige Dynamik von Aufbau und Umwandlung.
Daraus leitete er gegenwärtige Forschungsschwerpunkte und ihre Bedeutung
für die medizinische Intervention ab. In der anschließenden Diskussion
ging Zaucke auf Sinn und Unsinn von Chondroprotektiva' ein und gab zu bedenken,
dass z.B. intraartikulär zugeführte Hyaluronsäure nicht in derselben
Weise komplex mit den zugehörigen Molekülen vernetzt werden dürfte,
von peroral gegebenen Medikationen ganz zu schweigen. (Vortrag) Manualmedizin
bei ganz alten Menschen aus Sicht des niedergelassen Arztes - Klippen, Risiko
und Benefit - so lässt sich der Beitrag von Frau B. Alt zusammenfassen.
Wann behandeln, wann nicht, wo und wenn ja, welche Strukturen? Neben den bekannten
Prinzipien der Handgriffbehandlung von Übergangsregionen liegt ein Schwerpunkt
auf der aktiven Förderung der propriozeptiven Afferenzen. Die Unterscheidung
von akuten und chronischen Beschwerdebildern im Alter, sowie die Kooperation der
betagten Patienten, ist richtungsweisend für den Behandlungsplan. Neu waren
für viele Teilnehmer die vorgestellten Techniken der "funktional faszilitierenden
Positionierungen - n. Shiowitz", einer Manipulationstechnik mit Kompression.  B.
Alt
"Die Monokausalität eines Schulterschmerzes
ist die Ausnahme! Wenn man die Schulter diagnostiziert, muss man neben die Schulter
schauen" ... . In seinem Beitrag Schulterschmerz als diagnostische Herausforderung
profitierten die Teilnehmer von den fundierten fachlichen Kenntnissen und rhetorischen
Fähigkeiten von H. Biedermann. Er ging dabei auf die Unterschiede
der Schulterdiagnostik in Klinik und Praxis ein. Auch wies er auf Fallstricke
der apparativen Diagnostik hin, die nicht selten beeindruckende Details aufzeigt;
diese sind aber häufig eben nur Symptom und nicht strukturelle Ursache. Die
Bedeutung der Anamnese wurde verdeutlicht (zum Beispiel in Bezug auf Traumata
und chronische Überlastungssyndrome). Der Beitrag der Kau-Kiefer-Region zur
Nosologie und die Wichtigkeit der psychosomatischen Aspekte wurden auch an konkreten
Beispielen erläutert. H. Vernon ist Dozent
am Canadian Memorial Chiropractic College in Toronto. Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen
Tätigkeit liegt im Bereich zervikal vermittelter Kopfschmerzformen. The upper
cervical spine - changes in the 2. part of life - headache and vertigo - ein komplexes
Thema und Herausforderung zugleich. Ausgehend von den neurophysiologischen Besonderheiten
der Zervikalregion sowie der zentralen Projektion ihrer Afferenzen mit Einbindung
in die unterschiedlichsten Reflexkreise erklärte Vernon pathophysiologische
Modelle der Kopfschmerzentstehung sowie von Schwindel. Insbesondere morphologische
Veränderungen der Halswirbelsäule im Alter haben Auswirkungen auf ihre
dreidimensionale Beweglichkeit. Diagnostische und therapeutische Strategien beinhalten
somit die Optimierung der propriozeptiven Afferenzversorgung, berücksichtigen
angiologische Besonderheiten bis hin zu Auswirkungen von Hilfsmitteln (Brille)
oder Belastungen durch moderne Kommunikationstechniken (Computer).  H.
Vernon
"... beständiger Abbau? Von wegen,
natürlich bilden auch adulte Hirne neue Zellen". M. Manns, Biopsychologin
an der Ruhr-Uni Bochum, beschäftigte sich in ihrem Referat mit der altersunabhängigen
Neurogenese - wie läuft sie ab, wofür ist sie gut? Nach gegenwärtigem
Kenntnisstand sind zwei Hirnareale zur Neurogenese befähigt, die Stammzellen
im Hippocampus (Gedächtnisleistung) und im Bulbus olfactorius. Die Neurogenese
scheint dabei abhängig zu sein von der Komplexität der Umwelterfahrung
sowie der physischen Aktivität. Wie auch beim jugendlichen Gehirn werden
viel mehr frische' Neurone gebildet als schließlich in der Matrix
überleben. Die Proliferation und das Überleben der Neurone unterliegen
dabei auch hormonellen Einflüssen. (Vortrag) Diese
relativ neue Erkenntnis der lebenslangen Neubildung von Neuronen und die damit
verbundene erhöhte Regenerationsfähigkeit des menschlichen Gehirns bieten
ganz neue Forschungsansätze für die Rehabilitation von Patienten mit
Hirnverletzungen oder degenerativen Veränderungen neuronaler Strukturen. Manualmedizin
und Placeboeffekt ... verkleidet als Dr. Shaman Scharlatanski leitete L.
Koch mit einer publikumswirksamen Placebobandlung seinen sehr lebendigen Vortrag
ein. Wirkt ein Placebo - und wenn ja, warum? Ausgehend von Regulationsmechanismen
im Cingulatcortex wurde verständlich, dass Placeboeffekte auch Korrelationen
mit individuellen, affektiven Verhaltenszuständen des Patienten haben und
mit modernen bildgebenden Verfahren objektivierbar sind. Die überaus enge
Kontaktaufnahme zwischen Behandler und Patient im Rahmen der Manualmedizin begünstigt
diesen begleitenden Placeboeffekt. Die Therapieerfolge manualmedizinischer Behandlung
kann aber nicht auf diese unspezifischen Mechanismen reduziert werden; ohne solide
Basis verpufft solch ein - durch aus gern als Verstärkung eingesetzter -
Placeboeffekt. So kann aus pathophysiologischen Erklärungsmodellen auf
spezifische Wirkungen einer Handgriffbehandlung (die als Handwerk zu begreifen
ist) geschlossen werden. Welcher Neurochirurg hat schon
eine Zusatzausbildung in Manualmedizin? M. Löhr, OA an der Uni
Würzburg, kennt beide Seiten der orthopädisch-neurochirurgischen Intervention.
Rückenschmerz - wann ist der Neurochirurg gefragt? Wann kann, wann sollte
und wann muss operiert werden? Versehen mit Einblicken in den OP sowie in Operationsfelder
erläuterte Löhr nicht nur Indikationen (und Techniken) für ein
neurochirurgisches Vorgehen in den verschiedenen Regionen der Wirbelsäule,
sondern auch, wann ein konservative Behandlung sinnvoller ist. So sind die Strukturen
beispielsweise der Neuroforamina beiden Fachbereichen zugänglich.  M.
Löhr
Nachdem es am ersten Kongresstag bis
19.00 Uhr gegangen war, dürften die Teilnehmer - die weit überwiegend
Disziplin bewiesen und bis zum Schluss voll dabei waren - nicht unzufrieden gewesen
sein, dass am Samstag schon' um 18.00 Schluss war. Wir
haben uns für nächstes Jahr in Berlin verabredet, dann mit dem Thema:
"Puzzle Kindesentwicklung" vom 10. - 12. März. |