Rückblick
Kongress Mallorca mit Workshops 2008
16. EWMM Kongress (28.-30. März 2008 auf Mallorca): Manuelle Therapie
bei Kindern, kindliche Entwicklung und HirnforschungSchon
der Veranstaltungsort war ungewöhnlich: dass so viele Teilnehmer der Einladung
der EWMM nach Mallorca folgen würden, konnte im Vorfeld niemand ahnen.  Workshop
vor dem Kongress
Bereits am Freitagmorgen wurde
bei schönstem Wetter in einem dem Kongress vorgeschalteten Workshop an großen
und kleinen "Säuglingen" geübt. Den Teilnehmern wurde
die Diagnostik funktioneller Störungen durch Lutz Koch und Bruno Maggi
näher gebracht. Das eigenhändige Üben an sich selbst, sowie an
mitgebrachten Puppen, fand bei den Teilnehmern großen Anklang.  Plenum
Freitagabends
eröffnete dann Heiner Biedermann in üblich souveräner Art
und Weise den eigentlichen Kongress mit einem Übersichtsreferat: "Bedeutung
der Kopfgelenke für die kindliche Entwicklung im Lichte neuester Erkenntnisse
der Hirnforschung". Nur die ganzheitliche Sichtweise des Menschen über
das Individuum hinaus, sowie die Berücksichtigung der Einflüsse von
Genetik und kulturellem Kontext, kann dieses Thema adäquat beleuchten, war
seine These. Er verdeutliche diese Komplexität nur zu gut.  Vortrag
Heiner Biedermann
Am Samstagmorgen berichteten
Jan-Marino Ramirez und Henner Koch (Anatomie Uni Chicago) über aktuellste
Forschung zu kindlicher Hirnentwicklung. Sie zeigten, wie im zentralen Nervensystem
Areale durch dezidierte Stimulation kontrolliert werden und sich ausdifferenzieren.
Ferner stellten die beiden heraus, dass auch das Nervensystem von Erwachsenen
sich ständig weiterentwickelt. Der Biopsychologe
Onur Güntürkün (Uni Bochum) erläuterte die Entstehung
von Schmerz und den Prozess dessen Chronifizierung. Er ging auf die Rolle emotionaler
Stimuli für die Schmerzverarbeitung und - Schmerzerinnerung ein und erläuterte
in diesem Zusammenhanf Mechanismen, die für das Verständnis von Phantomschmerzen
wichtig sind. Das zurzeit brandaktuelle Thema ADHS/ ADS
sowie Ritalin wurde dann von Jan-Marino Ramirez referiert. Welche
Eltern würden Ihrem Kind denn freiwillig Cocain, das eine ähnliche Biochemie
besitzt wie Ritalin, geben? Und wer kann unsere Kinder vor den Langzeit-Effekten
des Ritalins schützen? Ramirez verdeutlichte die absolute Indikation der
Ritalingabe bei Kindern mit Dopamintransporter-anomalien, bzw. -defekten, die
aber sicherlich noch eine kleine Minderheit, der mit Ritalin behandelten Patienten,
darstellen. Björn Rasch (Schlaflabor Uni Kiel)
referierte über seine Forschungen zu Schlaf und Erinnerungsverarbeitung.
Er erklärte, dass wir nicht im Schlaf von selbst lernen können, dass
aber der Schlaf bei der Konsolidierung eines vorher aufgenommenen Stoffes eine
wichtige Rolle spielt. Richard Michaelis (Kinderklinik
Uni Tübingen) berichtete dann sehr anschaulich über transitorische neurologische
Symptome in der frühkindlichen Entwicklung. Er stellte heraus, dass es nicht
den' Weg der neuromotorischen Entwicklung gibt, sondern mehrere Varianten
und warnte in diesem Zusammenhang davor, ein Abweichen von der Ideallinie gleich
zu pathologisieren.  Prof.
Michaelis
Heike Korbmacher (Kieferorthopädie
Uni Hamburg) eröffnete den Sonntag mit ihren aktuellen Studienergebnissen
zur Entwicklung kieferorthopädischer Asymmetrien in Zusammenhang mit Manueller
Medizin sowie der Orthopädie. Sie plädierte für frühe Therapie
von Gebissasymmetrien, um so irreversiblen Veränderungen der Kiefergelenke
zuvorzukommen.  Heike
Korbmacher und Lutz Koch
Eric Saedt (Manualtherapeut
NL) berichtete über den wissenschaftlichen Stand der KISS Problematik in
Holland. Hier wird im Rahmen der Ausbildung der Therapeuten eine Vielzahl von
Daten erhoben, die Rückschlüsse auf die Nosologie und den Verlauf von
KISS erlauben. Bezüglich chronischer Kopfschmerzen
wurden gleich zwei Referenten verpflichtet. Thorsten Bartsch (Neurologie
Uni Kiel) erläuterte den Teilnehmern experimentelle Modelle für die
pathophysiologischen Grundlagen des cervikalen Kopfschmerzes, während Raymund
Pothmann (Neuropädiater, HH) den kindlichen Kopfschmerz anhand seiner
klinischen Arbeit analysierte. Er berichtete über eigene Untersuchungen im
Zusammenhang mit Manueller Therapie und stellte außerdem verschiedene Konzepte
vor. Editha Halfmann (Kinderärztin, HH) berichtete
engagiert über die kindliche Entwicklung vor dem Hintergrund verschiedener
Reflexmuster und deren Entwicklung. Der abschließende
Sonnenvortrag von dem abermals brillanten Jan-Marino Ramirez stellte einen
glänzenden Abschluss der hervorragenden Vortragsreihe dar. Er erläuterte
Bewegung und Rhythmus im zentralnervösen System - bewaffnet mit einem Stift
und einem Flipchart.  Den
letzten Vortrag hielt Prof. Ramirez auf der Terasse, zur Freude aller Zuhörer...
Für ganz eifrige Teilnehmer ging es am Montag mit zwei Workshops weiter.
Richard Michaelis stellte den Teilnehmern sein neues Konzept mit Dokumentationsbögen
zur neuropädiatrischen Untersuchung vor. Diese wurden nicht nur glänzend
angenommen, sondern auch schon mit einigen Erweiterungsvorschlägen bereichert. Die
anschließend durchgeführte Röntgendiagnostik von Lutz
Koch und Bruno Maggi (Zürich) stellte einen guten Abschluss zur Schulung
und Verfeinerung des Diagnostischen Blicks im Hinblick auf die Komplexität
der Kopfgelenks-Abbildungen im Röntgenbild dar.  Die
Referenten: B. Rasch, H. Korbmacher, R. Michaelis, H. Biedermann, O. Güntürkün,
Lutz Koch, E. Halfmann, R. Pothmann
Alles in
allem eine gelungene Veranstaltung, bei der auch neben einem höchst anspruchsvollen
wissenschaftlichen Programm und den Gesprächen am Rande auch der Wunsch an
das mediterrane Wetter nicht unerfüllt blieb. U.
Mühlenbrock (Bochum)
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