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Rückblicke

 

 

Rückblick Kongress Passau 2009

17. EWMM Kongress 14.-16-Mai 2009 in Passau

Manuskripte --> hier

H. Härtling, Passau

Vom 14.-16. 5. fand der diesjährige Kongress der EWMM im Audimax der Universität Passau statt. Er sollte allen Interessenten, aber auch den Skeptikern die Möglichkeit geben sich näher mit dem KiSS/KiDD-Komplex auseinanderzusetzen.

Die 220 Plätze des Hörsaals waren fast komplett gefüllt. Sehr erfreulich war, dass neben den Ärzten auch viele Physiotherapeuten und artverwandte Berufsgruppen anwesend waren. Sie sind es, die die unabdingbare Vorarbeit leisten und die Familien auf die Möglichkeiten der Manualmedizin bei Kindern hinweisen und so die Spreu vom Weizen trennen.

Donnerstag, 14.5.09

Dem eigentlichen Kongress waren am Tag zuvor diverse Workshops zur klinischen und röntgenologischen Diagnostik vorausgegangen, die riesigen Anklang gefunden hatten und alle mehr als ausgebucht waren (R. Sacher und M. Wuttke zu Diagnostik und Therapie bei Säuglingen, L. Koch und B. Maggi zu Diagnostik und Therapie bei Schulkindern). Nachdem diese intensive Arbeit in Kleingruppen schon letztes Jahr in Mallorca eine große Nachfrage zeigte, werden sie in Zukunft fester Bestandteil der Kongressplanung werden. Nächstes Jahr in Köln werden fast ein Dutzend verschiedene Seminare und Workshops angeboten, wobei die Themen von der anatomischen Demonstration über die Röntgendiagnostik bis zur Gesprächsführung und Betreuung Schwangerer reichen werden.

Freitag, 15.5.09

Den Vortragsreigen eröffnete Dr. Robby Sacher mit " Reflexintegration beim Säugling und Kleinkind", ein Thema, welches ihm auf den Leib geschnitten ist, zählt es doch zu seinen Steckenpferden. Mit Schwung und Begeisterung leicht verständlich vorgetragen sicherte ihm dies einen riesigen Applaus. Demnächst soll auch ein Buch darüber erscheinen.

Wer könnte besser über das Thema Röntgen referieren als Dr. Heiner Biedermann. Er arbeitete die beiden sich ergänzenden Aspekte der morphologischen und funktionellen Auswertung der WS-Röntgenaufnahmen heraus und propagierte ein bedachtsames Abwägen zwischen zu viel und zu wenig. Zum Schluss war hoffentlich jedem klar, dass wir - so klein unsere Patienten auch sein mögen - doch ein Röntgenbild brauchen!

Professor Dr. Klaus Saternus, emeritierter Gerichtsmediziner der Uni Göttingen, zeigte uns in seiner für Gerichtsmediziner wohl typischen nüchternen aber nicht minder humorvollen Art, dass beim plötzlichen Kindstod bei Leibe nicht die Eltern schuld sind, sondern andere Faktoren dafür verantwortlich zu machen sind. Er plädierte leidenschaftlich dafür, den betroffenen Eltern längerfristig zu helfen und stellte eindrucksvoll dar, wie wichtig die gerichtsmedizinische Aufarbeitung dieser schrecklichen Todesfälle auch für die betroffenen Eltern selbst ist.

Dass wir bei Schreibabys mit unserer Therapie gute Erfolge haben, ist bekannt. Dr. Biedermann stellte seine neuste Studie zu diesem Thema vor, wobei er erst den Rahmen der diagnostischen und pathognomonischen Modelle referierte, mit dem dieses 'alte' Problem aus verschiedenen internistisch-pädiatrischen Gesichtspunkten angegangen worden war. Er zeigte an einer 150ger-Stichprobe von über tausend im Jahre 2006 behandelter Babys, dass auch bei wochenlang vorbehandelten Kindern eine schnelle Besserung (ca. 2/3 innerhalb von 10 Tagen) erreicht werden kann. Aus diesen auch anderweitig erreichten Erfolgsraten ergibt sich zwanglos ein funktionell-vertebragenes Modell für die Ursache vieler Schreibabys im Sinne des KiSS- Konzepts.

Den Abschluss des ersten Tages bildete ein Referat des Kinderchirugen Dr. Micha Bahr aus der Kinderchirurgie der Uni Marburg, der über seine Erfahrungen bei der konservativen und operativen Trichterbrustbehandlung berichtete. Er stellte schön dar, wie er von einem anfangs eher mechanistischen Modell immer mehr zu einer funktionell dominierten Sichtweise gekommen war. Er berichtete über ihn beeindruckende Erfolge der kombinierten Therapie mit Saugorthese und begleitender Manualtherapie der Wirbelsäule, was die Behandlung seiner Ansicht nach beschleunigt und vereinfacht. Schön zu sehen, dass nicht immer das Messer notwendig ist und man so mit neuen konservativen Verfahren hervorragende funktionelle und kosmetische Ergebnisse erzielen kann.

Samstag, 16.5.09

Der Samstag begann mit Dr. Jens Weingärtner von der Anatomie der Universität Greifswald. In seinem interessanten Beitrag über die Interaktion zwischen Biomechanik und neuraler Entwicklung stellte der die Komplexität der embryologischen Entwicklung im cervico-mandibulären Bereich in den Mittelpunkt und ging auch auf die verschiedenen Gaumen-Kiefer-Missbildungen ein.

Einen Einblick in die manuelle Diagnostik und Therapie in Großbritannien gab uns Dr. Haymo Thiel vom AECC in Bournemouth. Dabei wurden die Unterschiede besonders im therapeutischen Ansatz deutlich, aber es war auch schön zu sehen, wie das KiSS-KIDD- Konzept im angelsächsischen Raum 'angekommen' ist.

Geht jedes unbehandelte KiSS in eine Dysgnosie und Dyspraxie (KIDD) über? Sicher nicht, aber der genaue Prozentsatz lässt sich auch nicht vorhersagen. Er dürfte zwischen 20-30% liegen, wie Dr. Lutz E. Koch aus Hamburg ausführte. Er stellte uns in seinem sehr interessanten Referat " KiSS Ursache - KiDD Folge?" seine neuesten Fallauswertungen vor.

Zum sehr interessanten Thema des Schütteltraumas, dessen schreckliche Folgen wir immer wieder in der Zeitung lesen, nahm nochmals ausführlich unser Rechtsmediziner Prof. Saternus Stellung.

Nachmittags stand das Thema ADS im Vordergrund. Die pharmakologischen Hintergründe der ADS Therapie mit den gängigen dafür vorgeschlagenen Psychopharmaka erläuterte Frau Prof. Dr. Ulrike Holzer-Petsche, Pharmakologin von der Uni Graz. Interessant war vor allem, die verschiedenen vermuteten Wirkmechanismen dieser zentral ansetzenden Pharmaca kennenzulernen. Den praktischen Umgang mit AD(H)S Kindern aus sozialpädiatrischer Sicht erläuterte Dr. Peter Borusiak (Helios-Klinik Wuppertal). Dabei wies er darauf hin, dass die Kinder gar kein Aufmerksamkeitsdefizit haben, sonder vielmehr unter dauerndem Aufmerksamkeitsstress stehen und stellte in seinem Beitrag die pharmakologische Option als Teil einer vielschichtigeren Vorgehensweise dar, bei der Betreuung der Kinder und Familien im Vordergrund zu stehen haben.

Danach folgte zur Entspannung von Dr. Hans Härtling ein kleiner Beitrag aus der Praxis, der anhand eines Fallbeispiels die Wichtigkeit eines umfassenden Blickwinkels deutlich machte. Anderenfalls könnte leicht eine Behandlung als Misserfolg fehlinterpretiert werden.

Sicherlich ein Highlight war der - trotz des eigentlich ernsten Themas - überaus witzig und mitreißend vorgetragene Beitrag von Prof. Dr. Gerhard Fröhlich, Philosoph und Wissenschaftstheoretiker von der Joh. Kepler Universität Linz.
"Der Journal Impakt Faktor auf dem Prüfstand der Wissenschaftsforschung. Er zeigte schlüssig, wie eine Privatfirma mit nicht nachvollziehbaren Kriterien de facto eine Monopolstellung zum Ranking von Wissenschaftlern aufgebaut hat. Ohne allzu viel Optimismus wies er zu Ende seiner Ausführungen auch auf mögliche Alternativen hin.
Siehe unten stehende Links

Das Endreferat hielt wie jedes Jahr Dr. Heiner Biedermann zum Thema "Manualmedizinische Möglichkeiten bei KiDD". Er stellte die Bedeutung der Propriozeption als "6. Sinn" in den Vordergrund und legte dar, wie die Verbindung zwischen der oberen HWS und dieser Selbstwahrnehmung ein schlüssiges Konzept für die Effizienz manualmedizinischer Behandlung von 'schwierigen' oder 'hyperaktiven' Kindern darstellt. Indem er die Interaktion zwischen peripherer Wahrnehmung und corticaler Ausreifung anhand diverser Beispiele illustrierte, wurde deutlich, dass dieser Ansatz helfen kann, einer allzu unkritischen medikamentösen Therapie dieser 'Epidemie' entgegenzuwirken.

Alles in allem war dies ein gelungener Kongress, der viele neue Erkenntnisse und Denkansätze vermittelte und über die Vorträge hinaus durch die intensiven Kontakte der Teilnehmer untereinander anregte. Freuen wir uns auf ein Wiedersehen nächstes Jahr in Köln!


Zwei Texte zur wissenschaftsintern verursachten/motivierten Infovorenthaltung Weitere Texte (Infoverdrossenheit, extern verursachte Info-Vorenthaltung) sind noch im Werden

a) Eher populärwissenschaftlich:
2000, Gerhard Fröhlich, "Information als Mangelware?" heureka! 2/00
Beruf: Wissenschaft http://www.falter.at/web/heureka/archiv/00_2/11.php

b) Eher informationswissenschaftlich:
1998, Gerhard Fröhlich, Optimale Informationsvorenthaltung als Strategem
wissenschaftlicher Kommunikation, in: Harald H. Zimmermann / Volker
Schramm (Hg.), Knowledge Management und Kommunikationssysteme.
Proceedings des 6. Internationalen Symposiums für
Informationswissenschaft (ISI '98), Prag, 3. - 7. November 1998.
Konstanz: UVK Universitätsverlag,
ISBN 3-87940-653-7, 535-549
http://eprints.rclis.org/archive/00008496/

a. Univ. Prof. Dr. Gerhard Fröhlich
Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie
Johannes Kepler Universität Linz
Freistädterstr. 315/I
A-4040 Linz
gerhard.froehlich@jku.at
http://www.iwp.jku.at/froehlich
http://www.iwp.jku.at/openaccess/

Gerhard Fröhlich (2008):
Wissenschaftskommunikation und ihre Dysfunktionen:
Wissenschaftsjournale, Peer Review, Impact Faktoren, in: Holger Hettwer
et al. (Hg.): WissensWelten. Gütersloh: Verlag der Bertelsmann Stiftung,
ISBN 978-3-89204-914-2, 64-80

 

 

 

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