Rückblick
Workshop Antwerpen 2008 DEWMM-
Jahrestreffen Antwerpen: Zusammenfassung
des 1. Tages U. Mühlenbrock, Köln Occipito-cervical
und die Kiefergelenke Den Auftakt machte Heiner
Biedermann, der ganz eindrucksvoll deutlich machte, welche Auswirkungen durch
bestimmte Pathologien im Bereich des Kiefers ausgelöst werden können.
Nach einigen physikalischen Grundlagen einer OPG-Anlage hatte er einige sehr eindrucksvolle
Bilder von "Fehlstatiken" im Kaubereich. Hiernach war allen Zuhörern
klar, warum es besser cervico-mandibuläre Dysfunktion heißen sollte. Die
Mittagspause wurde durch den perfekten Lunch eingeleitet und klang auf den Bänken
in der Sonne aus, begleitet von vielen Diskussionen und Anregungen. Henk
Mohr verstand es, die Zuhörer mit seinem Vortrag über den Zusammenhang
von KISS und das Persistieren oder Wiederauftreten von bestimmten Reflexmustern
zu fesseln. Nach kurzer Darstellung einiger Reflexe und Verhaltensmuster, schlug
er den Bogen zu unseren KISS Kindern bei Analyse der Fehlhaltungen. Perfekt
ergänzt wurde dieser Vortrag durch Robby Sacher, der den Unterschied
von Reflexen zu Reaktionen verdeutlichte. Er erklärte einige interessante
Reaktionen und hielt auch enstsprechende Videos bereit von "seinen kleinen
Patienten", um uns in dieser Hinsicht zu sensibilisieren. Onur Güntürkün
faszinierte mit seinem Vortrag Gedächtnis und Moral. Anhand einiger Fallbeispiele
verdeutlichte er die Bedeutung von Amygdala und Hippocampus für die Ausbildung
von Werten und moralischen Vorstellungen ergänzt natürlich durch den
Einfluß der Erziehung und Entwicklung des Menschen. Die sich fast übergangslos
anschließende Diskussion stellte wieder einmal den Stellenwert des gelungenen
Tages in den Mittelpunkt.
Zusammenfassung
des 2. Tages N.
Bottek, Münster H. Biedermann (Antwerpen,
B) "Cervicaler Prolaps, pseudoradikuläre
Beschwerden und Hypertonie der Nackenmuskeln" wird nachgeliefert J.
Dapprich (Düsseldorf, D) "Vorbereitungen
einer interdisziplinären CMD-Therapie -zahnärztlich gesehen" Ausgehend
von der Selbsteinschätzung, bei etwa 60% seiner Patienten mit CMD keinen
langfristigen Behandlungserfolg erzielen zu können, suchte Jürgen Dapprich
als niedergelassener Zahnarzt nach Verbesserungen. Auf eine universitäre
oder institutionäre Unterstützung mußte er verzichten, was er
als typisch verbucht, da Innovationen seiner Ansicht nach ohnehin fast ausschließlich
aus der niedergelassenen Praxis entspringen und so gut wie nie aus Krankenhäusern. Dapprichs
interdisziplinärer Ansatz erschöpfte sich darin, die Ursachen für
eine kraniomandibuläre Störung entweder als zahnärztliches oder
als orthopädisches Problem zu verorten. Diese Differenzierung soll mit Hilfe
von einfachen Methoden gelingen, die von Dapprich ausführlich vorgestellt
wurden. Vor allem kinesiologische Tests (nach Merssemann u.a.) wurden vom Referenten
favorisiert, die darüber hinaus auch geeignet seien, Auswirkungen einer CMD
auf den Gesamtorganismus zu detegieren (z.B. durch Bißtests mit Okklusionsfolien,
Extremitätenlängendifferenzen, Beckenrotationsänderungen oder Extremitäten-Rotationsdefiziten). Sollten
zwei der vorgestellten Tests unter dem Zusammenbeißen der Zähne anders
ausfallen als ohne Zusammenbiß, liege eine CMD bzw. eine mangelhafte zahnärztliche
Versorgung vor, so Dapprich. Erst bei "Symmetrie aller Testergebnisse"
sei eine optimale Einstellung aller Brücken, KFO-Maßnahmen etc. erreicht.
Bis eine gute zahnärztliche Versorgung etabliert sei, könne mit bis
zu zehntägiger Ohrakupunktur, Okklusions-Schienen und Aqualiser gearbeitet
werden. Besonderen Wert lege er darauf, die Versorgung mit Okklusionsschienen
präzise durchzuführen und engmaschig nachzujustieren, betonte Dapprich.
Dermaßen betreute Patienten wiesen deutliche Behandlungserfolge auf, was
durch entsprechende Ergebnisse anhand von Einzelfällen gezeigt werden könne. In
der sich anschließenden Diskussion wurde dies kontrovers diskutiert, da
es sich um vergleichsweise wenig belastbares Datenmaterial aus 3-D-Erfassungen
der Rückenoberfläche (n. Diers) handele. Auch wurde nach der Verhältnismäßigkeit
gefragt, Patienten mit Okklusionsschiene alle zehn Tage neu einzubestellen. Abschließend
wurde die Frage erörtert, ob eine behandlungsfähige Fehlstellung auch
automatisch eine behandlungpflichtige Fehlstellung sei. Auch wenn, wie vom Auditorium
eingewendet wurde, z.B. Naturvölker mit allen möglichen Fehlstellungen
gesund leben würden, ergäbe sich für den zivilisierten Menschen
praktisch immer eine therapiewürdige Situation, so der Referent. Literatur: Ahlers
MO, Jakstat HA: CMDfact: Klinische Funktionsanalyse (1999) Dapprich J: Funktionstherapie
in der zahnärztlichen Praxis. (2004) Schmitter J: Schmerz nein danke:
Zähne - Kiefergelenk - Wirbelsäule. Eine starke Einheit für ihre
Gesundheit (2000) J. Schmitter (Düsseldorf, D) "Bioenergetische
Zahnheilkunde und funktionelle Medizin" Ausgangspunkt
war auch hier die Erkenntnis zu Beginn der Laufbahn, daß eine Reihe von
Patienten nicht ausreichend gut versorgt werden konnten. Schmitter versuchte dem
zu begegnen, indem er sich aus einem Blumenstrauß von verschiedensten Disziplinen
Ansätze heraussuchte, die ihm am ehesten geeignet erschienen. Eine Reihe
davon wurden als Aufriß vorgestellt. Vor allem die Wahrnehmung des Kiefergelenkes
als funktioneller Teil eines größeren Zusammenhangs wurde vom Referenten
beworben, was auf wenig Gegenwehr beim Auditorium traf. Schmitter unterschied
sieben verschiedene Gruppen von Einflüssen, die maßgeblich seien für
die Funktion des Kiefergelenks (Einflüsse von Okklusionssituation, Skelett,
Muskeln, Psyche, Nervensystem, Energiehaushalt sowie sog. faziale Einflüsse
des Spinalkanals). Ganz allgemein wurden die Bedeutung des "Energiezentrums
Niere" (im Sinne der "Akupunkturphysiologie" lt. Schmitter) sowie
der Medulla oblongata als Regulator für den Gesamt-Muskeltonus des Körpers
herausgestellt. Anhand von zwei Einzellfällen versuchte
der Referent zu illustrieren, welche Auswirkungen Fehlfunktionen im Bereich des
Kiefergelenkes haben können. Laut Schmitter seien sogar so wenig naheliegende
Symptome wie Haarausfall, Darmminderfunktionen, Haltungsschäden, unspezifische
Körperschmerzen, Allgemeinzustandsänderungen, Sehschwächen u.v.a.
mehr möglich. Literatur: Schmitter J: Schmerz
nein danke: Zähne - Kiefergelenk - Wirbelsäule. Eine starke Einheit
für ihre Gesundheit (2000) U. Göhmann (Hannover,
D) "Atlasdysplasie anhand von Fallbeispielen" Göhmann
gab zunächst einen Überblick über die embryologische Entwicklung
der oberen Halswirbel, deren Kenntnis Bedingung sei, um die verschiedenen Fehlbildungen
in diesem Bereich überhaupt verstehen zu können. Anhand
zahlreicher Röntgenbilder und einiger dreidimensionaler CT-Scans wurden vordere
Bogenschlußstörungen, Blockwirbelbildungen, hintere Bogenschlußstörungen
und andere Dysplasien demonstriert. Besondere Betonung legte der Referent auf
die häufige Assoziation mit syndromalen Erkrankungen sowie mit kardialen
Dysplasien im Sinne einer Fallot'schen Tetralogie. Ganz allgemein wurde für
ein ausgeglichenes Verhältnis von Lernen und Genießen als Geheimnis
des Lebens geworben. Lernen ohne Genießen verhärme, Genießen
ohne Lernen verblöde. Literatur: von Torklus D, Gehle
W: Die obere Halswirbelsäule (1970) St. Temme
(Berlin, D) "Schädelasymmetrie-Behandlung
anhand von zwei Fallbeispielen" Es wurden
zwei Fallbeispiele von Kindern mit asymmetrischem Hirnschädelbau demonstriert.
Zunächst stellte Temme ein Kind mit KiSS I und erheblicher Schädelasymmetrie
vor. Die Behandlung erfolgte sowohl mit Manueller Therapie als auch mit einer
Helmversorgung. Den ersten Helm, der im Verlauf durch einen größeren
ersetzt wurde, brachte der Referent zu Anschauungszwecken mit. Der
zweite Fall eines Kindes mit KiSS und ähnlicher Schädelasymmetrie beschrieb
eine Therapie ohne zusätzliche Helmversorgung. Das Fazit Temmes nach ausführlicher
Schilderung der beiden Verläufe fiel eindeutig aus: eine Behandlung inklusive
eines derartigen Helmes sei in den meisten Fällen entbehrlich. Es müsse
vor allen Dingen gewährleistet sein, daß der Kopf frei drehbar sei.
Durch die Möglichkeit einer freien Rotation forme sich der Schädel im
Verlauf "von selber" in eine symmetrische Rundung. Die sich anschließende
Diskussion wurde recht kontrovers geführt. Vor allem wurde die fragwürdige
Praxis mancher Kollegen herausgestellt, den Eltern negative Auswirkungen auf kognitve
Leistungen des Kindes in Aussicht zu stellen, falls man die Schädelasymmetrie
unkorrigiert lasse. E. Saedt (Ravenstein, NL) "KiSS
in Netherland" In Ergänzung zu seinem
Beitrag auf dem diesjährigen EWMM-Kongress in Alcúdia (Mallorca, E)
berichtete Saedt über die aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen von
KiSS in Holland. Nach Angaben des Referenten gebe es inzwischen etwa 200 Therapeuten
in den Niederlanden, die frühkindliche Asymmetrien manuell behandeln. Dabei
stützen sie sich auf Erkenntnisse, die sich im Sinne einer evidenzbasierten
Medizin dem Evidenzgrad D (deutsche Entsprechung: EbM-Level 4a ÄZQ) zuordnen
lassen. Es gebe zwar einen reichen Fundus an "clinical expertise" und
gut dokumentierte "patient values", aber nach wie vor hapere es an "external
evidence". Auf erste Arbeiten zu KiSS in Holland
habe es viel Kritik und einige konträre Publikationen gegeben. Als Reaktion
darauf soll nun versucht werden, mit einem groß angelegten "KiSS-Trial
Holland 2006-2007" den Evidenzgrad der KiSS-Therapie zu verbessern. Ein kontrollierter
"KiSS-Trial Holland 2009-2010" soll sich den Planungen zufolge anschließen.
Dazu konnten etablierte akademische Einrichtungen gewonnen werden (z.B. Universität
Maastricht). Literatur (Auswahl): Haynes RB, Sackett
DL, Guyatt GH, Tugwell P: Clinical Epidemiology: How to Do Clinical Practice Research.
3rd ed (2005) Hanten WP, Olson SL, Ludwig GM: Reliability of Manual Mobility
Testing of the Upper Cervical Spine in Subjects with Cervicogenic Headache. J
Manual Manipulative Ther (2002) www.informaworld.com www.ewwm.net Klackenberg
et al 2005 Hansen, Helgar et al 2007 Olafsdottir E, Forshei S, Fluge G,
Markestad T: Randomised controlled trial of infantile colic treated with chiropractic
spinal manipulation. Arch Dis Child (2001) Korbmacher H, Koch LE, Kahl-Nieke
B: Orofacial myofunctional disorders in children with asymmetry of the posture
and locomotion apparatus. Int J Orofacial Myology (2005) Cagnie B, Vinck E,
Beernaert A, Cambier D: How common are side effects of spinal manipulation and
can these side effects be predicted? Man Ther (2004) van Vlimmeren LA, Helders
PJ, van Adrichem LN, Engelbert RH: Torticollis and plagiocephaly in infancy: therapeutic
strategies. Pediatr Rehabil (2006) |